Tag der Archive Mit Samthandschuhen

Von der Tonspur zu Hitchcocks "Die Vögel" bis zu Briefen von Albert Einstein: Im Archiv des Deutschen Museums lagern Schätze von unermesslichem Wert. Historiker Wilhelm Füßl kennt die Geschichten zu den Exponaten

Von Martina Scherf

Wilhelm Füßl zieht die weißen Handschuhe an, öffnet vorsichtig eine graue Pappschachtel und holt einen Brief hervor. Verfasst in Zürich, am 25. Juni 1913: "Hoch geehrter Herr Kollege", schreibt Albert Einstein da in gestochen scharfer Handschrift an den Physiker Ernst Mach, "dieser Tage haben Sie wohl meine neue Arbeit über Relativität und Gravitation erhalten...". Zwei Jahre vor Veröffentlichung seiner allgemeinen Relativitätstheorie würdigt Einstein darin Machs "geniale Untersuchungen" und hofft, dass die Sonnenfinsternis im darauffolgenden Jahr ihrer beider Theorien bestätigt. Ein vergilbtes Blatt Papier - und Zeugnis einer Zeitenwende in der Geschichte der Physik. Füßls Augen glänzen beim Anblick dieser Zeilen. "Es gibt doch nichts Berührenderes als solche Quellen", sagt der Historiker.

Wilhelm Füßl ist Herr über 4,7 Regalkilometer im Archiv des Deutschen Museums. Es ist eines der bedeutendsten Archive der Wissenschaftsgeschichte und steckt voller solcher bewegender Momentaufnahmen. Da ist eine Original-Werkstattzeichnung des Flugpioniers Otto Lilienthal, mit Ölflecken und feinen Bleistiftlinien. Wert der Zeichnung: wohl mehr als eine Million. Der immaterielle Wert ist in Euro erst gar nicht zu bemessen. Da sind unzählige Briefe, Fotos, Tonbänder und Objekte, die berühmte Erfinder hinterlassen haben.

Eine weitere Pappschachtel: Hervor kommt ein Skizzenbuch von Georg von Reichenbach. Mit größter Akribie hat der junge Mann darin die Erkenntnisse seiner Englandreise im Jahre 1791 festgehalten. Ein Industriespion im Auftrag der bayerischen Regierung, der bei Boulton & Watt in London die Konstruktion der Dampfmaschine studierte - und später als Ingenieur des frühen Industriezeitalters berühmt wurde. Die Reichenbachstraße und -brücke in München sind nach ihm benannt. "Er verschaffte sich heimlich Zugang zu den englischen Fabriken, vermutlich, indem er die Wachleute mit Whiskey bestochen hat", erzählt Wilhelm Füßl und schmunzelt. Solche Geschichten gefallen ihm, dem passionierten Krimileser.

Doch bei Füßls Arbeit geht es nicht um Fantasie, sondern um Fakten. Indem er Stück für Stück einer Erfindung oder einer Biografie zu einem Puzzle zusammensetzt, wird erst deutlich, worauf sich Wissenschaft gründet: auf Genie, aber auch auf Zufall, Beharrlichkeit, günstige Gelegenheiten, großzügige Förderer. Erst durch die vielen Facetten wird das Bild rund, lässt sich eine Erfindung in den historischen Kontext einordnen.

Der Historiker im schwarzen Rollkragenpullover klappt das Reichenbachsche Skizzenbuch wieder zu, legt die weißen Handschuhe beiseite und schreitet weiter durch die Magazine. Viele Dokumente sind öffentlich zugänglich, im Lesesaal sitzen oft Wissenschaftler, Studenten aus aller Welt oder bayerische Schüler. Manches, wie der Lilienthalplan, ist allerdings so kostbar, dass man schon ein ganz besonderes Anliegen vortragen muss, damit Wilhelm Füßl den Schatz persönlich aus dem Archiv holt.

In einem weiteren Karton ruht eine Schatulle, darin die massiv goldene Nobel-Medaille von Ferdinand Braun, samt gold-verzierter Urkunde. Der Physiker erhielt sie 1909 zusammen mit dem Italiener Marconi für seinen Beitrag zur Entwicklung der Telegrafie. "Ich hätte gerne mehr Nobel-Urkunden, aber da muss ich noch länger verhandeln", sagt Füßl und schmunzelt wieder vielsagend. Verhandeln, das gehört zu seinem Geschäft, und es scheint ihm zu liegen. "Ist halt Vertrauenssache", sagt er mit leichtem Understatement.

Denn viele Deals sind ihm in den 25 Jahren, die er am Deutschen Museum tätig ist, gelungen. Oskar Sala war so ein Fall, bei dem sich Beharrlichkeit lohnte: der Komponist, der das Geschrei in Hitchcocks Film "Die Vögel" in einem Berliner Hinterhof auf dem Trautonium erzeugte. Das seltsame Instrument, eine Art früher Synthesizer mit einzigartigem Klang, steht im Museum, und Sala war der einzige Mensch, der es spielen konnte. 300 Filmmusiken hat er damit geschaffen. "Wir wollten, dass er noch zu Lebzeiten jemanden auf dem Trautonium anlernt, aber er fühlte sich mit Mitte 80 noch zu jung." Jetzt bleiben nur die alten Tonbänder.

Oskar Sala (re.) erklärt Alfred Hitchcock das Trautonium.

(Foto: Deutsches Museum)

Oder Heinz Maier-Leibnitz, den Füßl eines Tages in Allensbach am Bodensee besuchte. Der Physiker zögerte, als der Archivar Interesse an seinem Vorlass - so heißt es, wenn sich jemand noch zu Lebzeiten von seinen wertvollen Dokumenten trennt - bekundete. Maier-Leibnitz wollte seinen Gast in theoretische Grundsatzdebatten verwickeln. "Herr Professor, da lasse ich mich nicht drauf ein", entgegnete ihm Füßl, blieb aber im Gespräch. Am Ende hatte er noch keine Zusage, aber ein Kochbuch als Abschiedsgeschenk in der Hand. Als er das nächste Mal kam, fragte Maier-Leibnitz als erstes: "Und, haben Sie was gekocht?" Ja, entgegnete Füßl, "was Bodenständiges: Brotsuppe". Das gefiel dem Atomphysiker - und am Ende bekam das Deutsche Museum seine gesammelten Werke und Urkunden.

Mehr als 1,2 Regalkilometer füllen allein die Nachlässe im Archiv. Frauen sind eher selten darunter. Der Nachlass von Hanna Reitsch, Hitlers Starpilotin, gehört zu den Ausnahmen. Mit den Erben von Otto Lilienthal hat Füßl zehn Jahre lang verhandelt, bis er Briefe und Zeichnungen bekam. Mit vielen Familien ist er bis heute in Kontakt. Bedingung ist: Alles muss geschenkt werden, das Museum hat keinen Ankaufetat, "das dürfen wir erst gar nicht anfangen", betont Füßl.

Als der Nachlass von Konrad Zuse ins Haus kam, planten sie eine Ausstellung im Museum. Und siehe da, in der Vorbereitung entdeckte Füßl die Nähe des Computerpioniers zur NS-Ideologie: Seine Rechenmaschinen eignen sich hervorragend zur Erforschung von Rassenmerkmalen und Vererbungslehre, schrieb der von Hitler großzügig geförderte Ingenieur in einem Brief. Füßl bestand darauf, dass die Ausstellung diesen Aspekt nicht aussparte, trotz Protesten aus der Informatikergilde. Doch bei solchen Sachen, "da lass' ich nicht mit mir verhandeln".

Tag der Archive Beim "Tag der Archive" am Samstag, 5. März, 10-17 Uhr, können Besucher Wilhelm Füßl in seinem Reich erleben (Führungen ab 10 Uhr alle zwei Stunden). "Erinnern und Entdecken" lautet das Motto des Tages, denn auch im Internet-Zeitalter sind Archive Speicher des Weltwissens, ja, sie sind es, die forschen, digitalisieren und das Wissen weltweit zur Verfügung stellen. Alle zwei Jahre öffnen viele Einrichtungen ihre Türen, um auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen. 25 Münchner Archive beteiligen sich daran. Mitarbeiter des Stadtarchivs (Winzererstraße 68) erklären, wie man nach bestimmten Persönlichkeiten sucht. Im Bayerischen Hauptstaatsarchiv (Schönfeldstraße 5-11) kann man sich erkundigen, was mit dem Fund in Opas Dachboden geschehen sollte: Sind die Briefe aus dem Krieg wertvoll? Was ist mit der Fotosammlung? Es gibt dort Führungen durch die Werkstätten für Restaurierung oder Fotografie und Ausstellungen zu "Geheimschriften vom 16. bis zum 18. Jahrhundert" sowie zum Beginn der Demokratie in Bayern 1946. Ebenfalls beteiligt: das Institut für Zeitgeschichte, die Akademie der Bildenden Künste, das Haus der Kunst, der Bayerische Rundfunks und der Deutsche Alpenverein. Informationen unter www.muenchen.de/veranstaltungen/event/10682.html. mse

Als der heute 60-Jährige damals vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv ans Deutsche Museum kam, ahnte er noch nicht, wie sehr ihn diese Arbeit faszinieren würde. Es ist die Neugierde, die ihn seither antreibt, sie blitzt hinter der runden Brille in seinen Augen. "Wahnsinnig spannend", hört man ihn oft sagen, oder "super". Faszinierende Entdeckungen beschäftigen ihn auch noch zu Hause, am Abend oder am Wochenende. Auch seine dicke Biografie des Museumsgründers Oskar von Miller und viele weitere Veröffentlichungen entstanden auf diese Weise.

Demnächst will das Museum eine Schrift veröffentlichen zu herausragenden Objekten des Museums. Füßls Beitrag? "Der Lockenwickler". Er grinst. Noch weiß er wenig dazu, aber die Neugierde ist schon mal geweckt. Bestimmt stecken einige kuriose Geschichten dahinter.

Bliebe noch die Sache mit den grauen Pappschachteln zu klären. Sie spielen eine große Rolle bei der Frage: "Was können wir unserem Archiv einverleiben?", denn sie sind sehr teuer. "Hightech", sagt Füßl. Er hat sie als erster Archivar Deutschlands eingeführt. Säurefrei, wasserabweisend - für die Ewigkeit gemacht.