Tag der Archive Deutsches Museum zeigt kuriose Pläne, die nie umgesetzt wurden

"Atlantropa": Europa und Afrika sind vereint und durch einen Tunnel von Spanien nach Marokko verbunden.

(Foto: )

Der Münchner Architekt Herman Sörgel wollte etwa mit einem Staudamm bei Gibraltar aus Europa und Afrika "Atlantropa" schaffen. Am Tag der Archive ist erstmals zu sehen, wie er sich das vorstellte.

Von Jakob Wetzel

Manche Ideen sind wohl zu großartig, als dass man sie einfach aufgeben würde, nur weil es bei der Umsetzung ein bisschen hakt. Herman Sörgel zum Beispiel hatte den Einfall, das Mittelmeer teilweise trockenzulegen. Der Münchner Architekt wollte den Atlantik aussperren, 800 000 Arbeiter sollten einen Staudamm an der Meerenge von Gibraltar errichten. 24 Jahre lang dachte Sörgel darüber nach, was damit alles möglich würde. Aus Europa und Afrika sollte ein vereintes "Atlantropa" werden, verbunden durch einen Tunnel von Spanien nach Marokko für die Eisenbahnlinie London-Dakar sowie eine Brücke von Sizilien nach Tunesien.

Es gibt eine hübsche, bunte Landkarte für dieses Projekt, Herman Sörgel hat sie 1932 gezeichnet, heute liegt sie im Archiv des Deutschen Museums. Eisenbahngleise sind darauf zu sehen, Brücken, Tunnel und Kraftwerke, außerdem ein paar Häuser: eine "Zentralleitung" in Genf und ein "Ausführungsamt" in Marseille. Die "Bauleitung" sitzt auf einem Dampfschiff und schippert über das Rest-Mittelmeer. Ländergrenzen gibt es keine. Zum Tag der Archive an diesem Samstag wird das Museum erstmals die Karte und andere Originaldokumente des "Atlantropa"-Projekts öffentlich ausstellen.

Nicht alle Schätze des Archivs des Deutschen Museums haben wirklich die Welt verändert: Archivleiter Wilhelm Füßl präsentiert Pläne für "Atlantropa".

(Foto: Florian Peljak)

"Es war eine technikgläubige Zeit damals, der Ingenieur konnte alles", sagt Wilhelm Füßl, der Leiter des Archivs des Deutschen Museums. Tatsächlich habe Sörgel wenig über die Kosten oder über negative Folgen für die Ökologie nachgedacht, erklärt Füßls Stellvertreter Matthias Röschner. Auch eine Idee, wie man für 800 000 Arbeiter auf einem Staudamm den Schichtwechsel organisieren wolle, habe Sörgel nie gehabt. Der Architekt beschäftigte sich lieber mit den Möglichkeiten: Wenn der Wasserspiegel erst um 100 bis 200 Meter gesunken war, würde neues Land zum Siedeln entstehen, Sörgel taufte es "Neuland". Alte Häfen wie Genua lägen dann im Landesinneren, dafür wollte Sörgel neue Hafenstädte bauen.

Venedig wäre dank eines zusätzlichen Staudammes weiter Lagunenstadt geblieben, aber ohne seine Flutprobleme. Neu gegrabene Seen sollten die Sahara erblühen lassen. Und Stromsorgen gäbe es keine mehr: Monströse Wasserkraftwerke sollten jede rußige Kohlenheizung und jeden Benzinmotor überflüssig machen; Sörgels Skizzen dazu aus den 1930er-Jahren wirken erstaunlich modern. Allein das Gibraltar-Kraftwerk sollte einem Plakat zufolge eine Leistung von 175 Millionen PS bringen, das wären knapp 130 Gigawatt. Zum Vergleich: Das Walchensee-Kraftwerk, eines der leistungsstärksten Wasserkraftwerke in Deutschland, schafft nur 0,12 Gigawatt.

Die "Atlantropa"-Idee ist eine Utopie geblieben. Im Archiv des Deutschen Museums, das sich mit seinen 4,7 Regalkilometern voller Archivalien selbst eines der weltweit führenden Spezialarchive für die Geschichte der Naturwissenschaft und der Technik nennt, finden sich weitere solche Ideen, die nie umgesetzt worden sind, und die das Museum an diesem Samstag zeigt. Da ist zum Beispiel ein Handbuch der Alchemie von 1780, in dem unter anderem erklärt wird, wie man einen Homunculus, einen künstlichen Menschen erschaffen kann.

Oder die Skizze einer speziellen Schwimmkleidung aus einer Handschrift von 1480: Mit ihr sollte ein Bote auf dem Weg zu seinem Ziel einfach und schnell Gewässer überqueren können. Zu sehen ist ein Mann in einem weißen Schwimmreifen, den er durch ein Röhrchen kontinuierlich aufblasen muss. Eine Hand hält den Brief hoch, damit der nicht nass wird. Mit den Füßen paddelt der Bote wie eine Ente. Und damit er nicht umkippt, ist die Hose mit Blei beschwert. Der Vorschlag sei ernst gemeint gewesen, sagt Füßl. Umgesetzt wurde er aber nicht: Welcher Bote hätte die schwere Ausrüstung tragen wollen?

Ein Alchemie-Handbuch

(Foto: Florian Peljak)

Andere Entdeckungen hingegen haben tatsächlich die Welt verändert. So zeigt das Deutsche Museum die Konstruktionszeichnung Alfred Krupps für den Dampfhammer "Fritz", der von 1861 an die Industrie revolutionieren sollte und Zeitzeugen als "technisches Weltwunder" galt. Oder das Labortagebuch von Otto Hahn, in dem dieser notierte, wie er 1938 entdeckte, dass man Atomkerne spalten kann. An den Rand der für ihn zunächst unerklärlichen Messwerte notierte Hahn zwei rote Ausrufezeichen. Später überließ er das Tagebuch dem Museum. Er übersandte es in einem gebrauchten, roten Umschlag, auf die Vorderseite schrieb er "sehr wichtig", zur Sicherheit. Für Archivleiter Füßl ist das eines der schönsten Stücke im Archiv. Wenn nicht gerade Tag der Archive ist, sind die Stücke für alle, die ein wissenschaftliches Interesse haben, zugänglich.

Davon, die Welt zu verändern, war auch Herman Sörgel überzeugt. Spuren als Architekt hinterließ er kaum, er lebte für "Atlantropa" und zehrte vom Erbe seines Vaters und dem Vermögen seiner Frau. Der Verwirklichung nahe war das Projekt nie. "Die Politik hat nicht wirklich mitgezogen, weder in der Weimarer Zeit noch in der Nazi-Zeit noch in der Bundesrepublik", sagt Wilhelm Füßl. Doch Künstler waren fasziniert. John Knittel ("Via Mala") beschrieb das Projekt 1939 in seinem in Millionenauflage gedruckten Roman "Amadeus". Designer entwarfen Gebäude und Brücken, Architekten zeichneten das neue Tanger. In der damals international verwalteten marokkanischen Stadt sah Sörgel die künftige Hauptstadt von "Atlantropa".

Ein Ende fand das Projekt erst 1952. Im Dezember jenes Jahres kam Herman Sörgel bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Er fuhr mit dem Fahrrad auf der Münchner Prinzregentenstraße, als er von einem Auto erfasst wurde. Mit Sörgel starb an jenem Tag auch "Atlantropa". Der Fahrer beging Fahrerflucht.

Schatz der Staatsbibliothek entpuppt sich als Fälschung

Bislang glaubte man in der bayerischen Staatsbibliothek, im Besitz der "Geburtsurkunde Amerikas" zu sein. Ein weißer Strich auf der Weltkarte widerlegte dies. Von Theresa Parstorfer mehr...