Szene-Kolumne Forscher, rein in die Boazn!

Das Sunshine Pub in der Müllerstraße gehört zu den Kneipen, die mal gründlich erforscht gehörten.

(Foto: Robert Haas)

Die Boazn sterben, das beschäftigt Filmemacher und Kneipenforscher. Eigentlich zu wenig. Wie wäre es mit einer gründlichen Analyse - etwa durch Astrophysiker, Linguisten und Mathematiker?

Kolumne von Bernhard Hiergeist

Der Münchner Johannes Boos hat einen bemerkenswerten Film gedreht. "Hinter Milchglas und Gardinen" heißt er und das soll bedeuten: in der Boazn, im Stüberl. Braucht's des? Ja, findet Boos, denn die Boazn drohen zu verschwinden. Und das wäre sehr schade, denn damit verschwinden auch wichtige Stützpfeiler der nachbarschaftlichen Gemeinschaft.

Der Film bricht mit einem alten Dogma: Über Boazn hat man an sich im Modus der nostalgischen Schwärmerei zu sprechen - oder zu schweigen. Doch der Blick des nostalgischen Schwärmers, das liegt in der Natur der Schwärmerei, ist häufig getrübt. Darum lässt "Hinter Milchglas und Gardinen" einen Soziologen und angesehenen Kneipenforscher zu Wort kommen. Kneipenforschung, Boaznforschung - braucht's des? Schon, eigentlich.

Zum Beispiel hat noch kein Astronom herausgefunden, warum der Himmel in der Boazn so weit ist und gleichzeitig der Glasboden so nah. Kein Astrophysiker weiß, welche kosmische Krümmung die Uhren dort langsamer ticken lässt. Wo ist oben, wo unten, ist die Boazn am Ende eine nicht-orientierbare Mannigfaltigkeit? Da könnte die Mathematik Entscheidendes beitragen.

Und welcher spezielle Zungenschlag ist in welchem Viertel angebracht? Gab es auch in der Boaznwissenschaft einen "linguistic turn", demzufolge nur das, worüber man in der Boazn sprechen kann, auch Basis aller Erkenntnis über die Boazn sein kann? Anders gefragt: Sind die Grenzen meiner Boazn am Ende die Grenzen meiner Welt? Ist die Boazn der Ort, an dem Marcel Reich-Ranicki ein "gefährliches Geschiebe divergenter Sittlichkeiten" ausgemacht hätte? Was würde Hannah Arendt sagen, was Roger Willemsen, Lothar Matthäus?

Es gäbe so viel zu verhandeln. Ist nicht die Boazn der gesellschaftliche Salon des kleinen Mannes im 21. Jahrhundert? Ein Phänomen, das lückenlos erforscht sein will, am Ende gar mit Hilfe eines Boazn-Exzellenz-Clusters? Die Pressesprecherin des Boaznverbandes teilte hierzu auf Anfrage mit: Braucht's des? Jeden Blödsinn müsse man nicht mitmachen. Dann schob sie ein Zwei-Euro-Stück über den Tresen, für die Jukebox.

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