SZenario Kumpel und Kante

Cameron, der Trottel - Gerhard Schröders launiger Auftritt

Von Christian Krügel

Keine Frage: Gerhard Schröder ist mit sich im Reinen. Es ist ja auch ein Abend wie gemacht für den Altbundeskanzler. Der 73-Jährige kommt braun gebrannt und federnden Schrittes in die IHK-Akademie am Ostbahnhof. Dorthin haben Handelskammer, Akademie für politische Bildung, Presseclub und Griechische Akademie zum Europatag 600 Gäste eingeladen. Darunter nahezu alle, die in München irgendwie mitreden können, müssen oder auch nur wollen: vom Oberbürgermeister bis zum Landesbischof, vom Dax-Konzern-Chef bis zum Handwerksfunktionär. Die SPD-Wähler dürften gewaltig in der Minderheit sein, und dennoch ist die Erwartungshaltung an den Ex-SPD-Chef groß. Selbst der mittelständische CSU-Wähler braucht ja jemanden, der ihm zwischen Trump-Panik, Macron-Hype und Schulz-Depression ein wenig Orientierung gibt. Und das macht der Altkanzler, er liefert eine Stunde lang beste Politunterhaltung: Merkel und Macron müssen in der EU vorangehen; Putin und Erdogan werden wir noch brauchen; auf Trump muss man aufpassen, und David Cameron ist ein Trottel.

Das versieht er mit der Schröderschen Mischung aus klarer Kante und Kumpelhaftigkeit. Moderatorin Ursula Münch verbietet er die protokollarisch korrekte Ansprache mit Bundeskanzler ("Lassen wir es bei Schröder. Es hat sich ausgekanzlert!"). Den forsch fragenden Bernhard Goodwin macht er coram publico zum armen Tropf (Goodwin: "Guten Tag, ich bin zur Zeit Bundestagskandidat der Münchner SPD." Schröder: "Das muss ja nun auch nicht sein.") Und selbst Stavros Kostantinidis lässt er auflaufen. Der omnipräsente Netzwerker hatte geholfen, Schröder nach München zu bringen. Zur Belohnung sollte der griechischstämmige Rechtsanwalt dem Altkanzler eine Flasche Rotwein überreichen. Für gute Weine habe Schröder ja immer noch ein Faible - "stimmt schon", sagt der, "aber schwerpunktmäßig nicht für griechische".

Es ist aber eher die Mischung aus Lebenserfahrung und Nostalgie, mit der Schröder viele derart ins Schwärmen bringt, dass manche im Saal schon einen neuen Helmut Schmidt in ihm sehen möchten. Dazu trägt auch Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel bei: "Ich freue mich, dass aus zwei Europaskeptikern zwei überzeugte Europäer wurden: Edmund Stoiber und Gerhard Schröder. Beide stehen mir unterschiedlich nahe - ich sage nicht, welcher mir näher ist."

Ganz still wird es, als Schröder alle Politiker auffordert, immer nur die Zukunft des Gemeinwohls, nie das eigene Wahlergebnis im Blick zu haben. Er selbst habe das stets so gehalten, gerade bei der Agenda 2010. Für die habe er mit der Wahlniederlage 2005 auch einen hohen Preis bezahlt. Dafür singt ihm nun in der IHK-Fragerunde ein Gast Elogen als Retter der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft. Auch damit kann Schröder umgehen: "Danke für die Lorbeeren. Sie ahnen gar nicht, wie recht Sie haben."