Kircheneintritt Plötzlich katholisch

Fast jeden Sonntag geht Jonas Dietrich in die Messe in St. Maximilian im Glockenbachviertel, wo Pfarrer Rainer Maria Schießler predigt.

(Foto: Robert Haas)

Jonas Dietrich hatte mit der Kirche nie etwas zu tun, bis er sich in eine gläubige Christin verliebte.

Von Christina Hertel

Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Hand zur Stirn, zur Brust, zur linken Schulter, zur rechten Schulter. Gabriela Grunden, eine Theologin mit sanfter Stimme, macht es vor, um die 40 Leute machen es nach. Sie alle wollen sich 2017 taufen lassen, katholische Christen werden. Grunden bereitet sie darauf vor.

Die meisten sind jung, Mitte zwanzig, Anfang dreißig vielleicht. Da ist eine Frau mit blond gefärbten Haaren und Lippenpiercing. Ein paar Mädels mit Fellkapuzen. Ein Typ, der aussieht wie ein Türsteher einer Großraumdisco. Und da ist Jonas Dietrich. 28 Jahre alt, Wollpulli, bisschen Bart, ein ganz normaler junger Mann. Fast jeden Sonntagvormittag geht er in die Kirche und nachmittags zu dem Taufvorbereitungskurs, zweieinhalb Stunden lang. Warum tut er das?

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Es ist Wochenende, Jonas Dietrich geht feiern, in einen Club. Dann sieht er Pia Buhmann, eine blonde Frau Anfang zwanzig, eigentlich aus dem Allgäu, in München ist sie nur zu Besuch. Sie ist müde und will gehen. Aber dann spricht Jonas Dietrich sie an und Pia Buhmann bleibt. Ein Wochenende später fährt er ins Allgäu. Wie soll es weitergehen, fragen sie sich. Und werden ein Paar. Das ist drei Jahre her.

Es ist eine Geschichte, wie sich junge Menschen eben kennenlernen - in einem Club beim Feiern. So ganz alltäglich geht die Geschichte aber nicht weiter. Pia Buhmanns Familie ist streng katholisch. Vor dem Essen wird gebetet, vor dem Schlafengehen auch. Sonntags gehen sie gemeinsam in die Kirche. Jonas Dietrich ist nicht einmal getauft. Die Eltern wollten ihn selbst entscheiden lassen. In die Kirche ging die Familie höchstens zu Weihnachten. Religionsunterricht in der Schule fand Dietrich immer zum Einschlafen.

Als er das erste Mal die Familie seiner neuen Freundin besucht, fühlt er sich seltsam. Wie soll er sich verhalten? Mitbeten? Oder Schweigen? Einfach nur die Hände falten? Pia Buhmann hat fünf Geschwister. Alle wissen, was sie sagen sollen, nur Jonas Dietrich nicht. Seiner Freundin ist der Glaube wichtig. Wenn sie abends vor dem Einschlafen betet, denkt sie an das, was ihr am Tag passiert ist. Sie bedankt sich für alles, was gut lief. Und hofft, dass morgen manches besser wird. Es ist der Abschluss ihres Tages, da kommt sie noch einmal zur Ruhe. Jonas Dietrich betete eigentlich nie - kein Vaterunser und auch keine persönlichen Wünsche. Als er mit Pia Buhmann zusammenzieht, ändert sich das. Sie führt ein, dass vor dem Essen gebetet wird und auch am Abend. Und anders als gedacht beginnt Jonas Dietrich, das Ganze zu gefallen.

Das Paar diskutiert viel über Gott. Manchmal gehen sie zusammen in die Kirche und Jonas Dietrich fühlt sich nicht immer wohl. Der Pfarrer wirkt streng, Dietrich versteht nicht, um was es geht. "Seine Stimme klang, als würde er mich anschreien", sagt Dietrich. Aber dann nimmt ihn seine Freundin zu einem Vortrag von Pfarrer Rainer Maria Schießler mit. Er hat seine eigene Talkshow, er veröffentlichte ein Buch, arbeitet als Bedienung auf dem Oktoberfest, er predigt im Dialekt und segnet Homosexuelle, aber auch Haustiere und Autos. Dietrich ist von ihm beeindruckt. Fast jeden Sonntag geht er jetzt mit seiner Freundin zu ihm in die Messe in St. Maximilian im Glockenbachviertel. Er beschließt, sich taufen zu lassen.

Alle in München, die vorhaben, katholisch zu werden, besuchen den Kurs von Gabriela Grunden in St. Michael. Momentan sind es etwa 40 Menschen. Dass so viele junge Leute dabei sind, liegt aus ihrer Sicht daran, dass man sich mit Mitte zwanzig, Anfang dreißig, nach abgeschlossener Ausbildung darauf besinnt, was wirklich zählt im Leben. Bei dem Kurs lesen die Teilnehmer in der Bibel, singen Lieder, und Grunden erklärt die Grundsätze des Glaubens. Sie fragt aber nicht die Zehn Gebote oder das Glaubensbekenntnis ab, es gibt keinen Test. "Wir hören uns allerdings schon an, warum sich jemand taufen lassen will", sagt Grunden. Die Kursteilnehmer können sich in St. Michael in der Osternacht oder eine Woche später taufen lassen oder in der eigenen Kirche. Dietrich weiß noch nicht, wie er das machen will.

"Meine Oma hat sich gefreut, dass ich mich dieses Jahr taufen lasse", sagt Dietrich. Und, was er nicht erwartet hätte: seine Kumpels auch. Seit er bei dem Taufvorbereitungskurs dabei ist, geht es, wenn sie sich alle treffen, ständig um den Glauben. "Eigentlich wollte ich kein großes Fest zur Taufe machen, aber jetzt muss ich wohl." Wer Taufpate werden soll, darum hat sich eine richtige Diskussion entbrannt - dabei gibt es bei Erwachsenentaufen normalerweise gar keinen Paten. Aber am meisten freut sich seine Freundin Pia. Auch wenn sie sagt, dass sie natürlich mit ihm zusammen geblieben wäre, wenn er kein Christ geworden wäre. "Aber so ist eben vieles einfacher. Heiraten zum Beispiel."

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