SZ-Serie: Altes Handwerk, heute noch gefragt Aus Feuer geboren

In der Kunstgießerei München formt Hasan Göktepe zusammen mit seinen Söhnen Kunstwerke aus Metall. Sie führen eine Tradition fort, die in der Maxvorstadt schon vor mehr als 100 Jahren begann

Von Renate Winkler-Schlang

Der Weg zur Werkstatt im Hof ist gesäumt von fast lebensgroßen Figuren. Unterm Baum stapeln sich Behältnisse und Gerätschaften. Wer die Tür zur Kunstgießerei München an der Schleißheimer Straße 72 öffnet, gerät sofort in den Bann dieser verwunschenen Welt, fühlt sich zurückversetzt in eine andere Zeit. Überall Werkzeuge, Werkstücke, Material, in den Regalen, auf den Tischen, auf dem Boden. Alles ist überpudert von einer feinen Staubschicht - auch die Menschen, die ruhig und konzentriert arbeiten.

Eine honigfarbene Kerze brennt. Praktikantin Luisa Clauß hat einen Stier in der einen Hand, das Horn, das ihm abgebrochen ist, in der anderen. Es ist ein Wachsmodell. Sie nutzt die Wärme der Kerzenflamme, um das Horn zu formen. Sie brauchen hier, sagt Aslan Göktepe, Wachsmodelle für den Guss eines Kunstwerks, egal, ob der Künstler in Holz oder Ton, Gips, Glas oder Metall gearbeitet hat.

Die ältesten Güsse, die Aslan Göktepes Vater Hasan bei der Übernahme der Werkstatt vorgefunden hat, datierten von 1896, ins Stadtbuch eingetragen ist eine Kunstgießerei an dieser Stelle zum ersten Mal 1905: "Die Maxvorstadt war das Gießer-Viertel", weiß Aslan. Aber die Göktepes haben hier ihre eigene Geschichte: Vater Hasan kam 1978 als 18-Jähriger aus der Türkei nach München und bekam dank familiärer Kontakte Arbeit in der Gießerei: "Mein Opa hat hierher das Heizöl geliefert." Hasan Göktepe hat sich eingearbeitet, hat alles gelernt, was man lernen konnte. 2007, als der vorige Eigentümer aufhörte, konnte er die Firma übernehmen. "Sonst gäbe es diese Werkstatt nicht mehr, denn obwohl sie ein historischer Ort der Stadtkultur ist, steht sie nicht unter Denkmalschutz", erklärt sein 33-jähriger Sohn Aslan, der ein Studium der physikalischen Technik und der Papiertechnik nach sieben Semestern aufgegeben hat, um mit einzusteigen. Inzwischen gehört auch sein neun Jahre jüngerer Bruder Selim zum Team.

Jeder der drei hat hier seinen Bereich. Aslan macht die Formen: Mit einer Negativ-Form aus Silikon für die gelockte Schöne, die ein Künstler geschnitzt hat, beginnt der Prozess. "Es ist ganz wichtig, dass die Trennlinie der beiden Hälften nicht gerade mitten durch die Nase verläuft." Der nächste Schritt ist eine starre Form aus Gips. Aus einem immer beheizten Bottich schöpft Aslan Göktepe flüssiges, mit Ruß geschwärztes Wachs. So entsteht das nächste Modell, das meist der Vater mit seiner ruhigen Hand ergänzt und ausbessert, das Original immer im Blick. Dieses wird gleich auch noch mit wächsernen Anguss-Röhren versehen, mit einer selbst hergestellten Gips-Masse ausgefüllt und von einem Gips-Schamott-Block umhüllt. Im Trockenofen, vier Tage lang bei höllischen 450 Grad, verdampft das Wachs. Und dieser so mühevoll hergestellte vier Millimeter breite Hohlraum ist es, in den am Ende Bronze, Alu, Messing oder Silber gegossen werden.

Es ist ein archaischer Akt, wenn hinten in der Werkstatt in einem Loch im Boden das Feuer zischt, der Kübel für den flüssigen Werkstoff glüht. Sie haben Schutzkleidung angelegt, sie schwitzen und müssen dennoch äußerst konzentriert sein, denn schon eine falsche Bewegung kann fatal sein. Hasan Göktepe erzählt in der kleinen Küche beim starken Tee von Unfällen früherer Kollegen. Ihm und seinen Söhnen ist aber noch nichts passiert.

Ist der Gussblock wieder abgekühlt, wird die Form zerschlagen. Daher, so Aslan, kommt der Begriff "verlorene Form". Und das stellt auch sicher, dass jede Figur ein Unikat ist. Auch der Gips im Inneren muss herausgepult werden. So entsteht die allgegenwärtige Staubschicht.

Manche filigrane Figur wiegt vielleicht nur 400 Gramm, aber die drei Männer gießen in Einzelteilen auch Skulpturen, die am Ende 400 Kilo wiegen. Selim, der jüngste, setzt sie so zusammen, dass keiner mehr ahnt, wo sich die Nahtstelle verbirgt. Er ist gelernter Metallbildner und verleiht den Werken mit seiner Ziselierarbeit den letzten Schliff, sofern der Künstler nicht darauf besteht, das selbst zu übernehmen. Aslan ist es, der sie dann entweder poliert oder ihnen mit Chemikalien, deren Rezept nur die Familie kennt, die gewünschte Patina verleiht. "Wir gießen alles", sagen die drei - und das ist gewiss nicht übertrieben.

Ob Profi- oder Hobbykünstler, ein Familienclan oder eine Firma, die eine Büste des Patriarchen will, ob ein Museum die Replik eines etruskischen Schatzes bestellt oder ein privater Sammler vorspricht, ein Architekt oder die Kirche - das Spektrum der Kunden ist bunt. "Es gibt schon durchgeknallte Künstler", sagt Hasan. Männliche Hobbykünstler bringen oft einen Torso mit nackten Brüsten. Die Vermögensverwalter, die die Büsten ihrer Firmengründer bestellen, wollen meist alles auf den Millimeter präzise. Irgendwie kommen die Kunstgießer mit allen klar und liefern meist prompt, "auch wenn dann mal einer in der Werkstatt übernachtet".

Nur untereinander, da knirsche es schon manchmal, erzählt der ältere Sohn: Es sei eben typisch für die Göktepes, alles in sich reinzufressen und dann mal zu explodieren. Aber sie wissen ja: Jedes Feuer kühlt auch wieder ab. Und dann sind sie stolz auf ihre Werkstücke, die ihnen nicht selten im öffentlichen Raum begegnen, stellvertretend für viele sei nur die Figur des Monaco Franze an der Münchner Freiheit genannt. So stolz sind sie auf ihre Arbeit, dass sie vorne an der Straße in einem kleinen Ladenraum auch die Werke ihrer Künstler-Kunden ausstellen, etwa die von Marion Fessl oder Enzo Arduini. Diese Galerie ist Alexandra Swobodas Reich. Hier, in diesem aufgeräumten, hellen Raum bringt sie zur Geltung, was hinten, in dieser Umgebung, in der so viele Eindrücke auf einen einstürmen, noch gar nicht so wirkt. Und hier kann man sich auch vormerken lassen für die Modellierkurse und nicht zuletzt die Guss-Events, bei denen die Göktepes ihre selten gewordene Kunst vorführen.

Lesen Sie am Mittwoch: das Handwerk des Uhrmachers