SZ-Adventskalender Im Rollstuhl durch Kuba

Samuel Flach hat Energie - obwohl die Kasse ihn im Stich ließ.

Er ist immer noch ganz fasziniert von dem Land und den Menschen, auch wenn ihm sein Studienaufenthalt auf Kuba viel Kraft abverlangt hat. Oder eher die bürokratischen Hürden, mit denen er nicht gerechnet hatte, als er sich für ein Feldforschungsprogramm interessierte. Vier Monate war der querschnittsgelähmte Samuel F., 24, Student der Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, an der Uni in Havanna eingeschrieben, vor einigen Tagen hat er seine Bachelor-Arbeit abgegeben zum Thema: Wie vereinbaren die Kubaner im Alltag den Spagat zwischen kommunistischem System und der Öffnung zum Kapitalismus.

Samuel F. studiert Ethnologie und möchte am liebsten barrierefrei mit Flüchtlingen wohnen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dass er die Forschung in Havanna durchgezogen hat, ist wohl nur mit seinem eisernen Willen und dem Interesse am Thema zu erklären. Nichts lief wie geplant: Die angekündigte Kooperation zwischen der LMU und der Uni von Havanna verzögerte sich, sodass er sein Studium selbst organisieren und zum Teil auch selbst finanzieren musste. Was heißt, dass ein großes Minus in seinem Budget klafft. Das versprochene Stipendium klappte nicht.

Und als die Kasse nach sechs Wochen auf Kuba das Pflegegeld von 700 Euro monatlich gestrichen hat, konnte er seinen Assistenten, den gelernten Krankenpfleger Taron G., nicht mehr bezahlen. "Ohne ihn hätte ich die Reise und die ersten Wochen wohl kaum geschafft", sagt Samuel F., der in Herrsching am Ammersee aufgewachsen ist. "Neben dem Rollstuhl, dem Elektromotor und Ersatzreifen hatten wir 43 Kilo an medizinischen Hilfsmitteln und Medikamenten dabei", berichtet der Assistent. Denn obwohl das Gesundheitswesen auf der Karibikinsel sehr gut sei, gebe es notwendige Materialien, wie beispielsweise sterile Blasenkatheter, kaum.

Doch der Reihe nach: Samuel F. ist seit Juli 2011 querschnittsgelähmt. Nach dem Abitur am Gilchinger Gymnasium hatte er sich für ein freiwilliges soziales Jahr in einem Waisenhaus in Uganda verpflichtet. Reisen, andere Kulturen kennenlernen, andere Lebensweisen erkunden, das war sein Ding. Am Ende seines Einsatzes reiste er mit zwei Freunden quer durch Afrika.

Seinen 20. Geburtstag wollte er am Strand auf Sansibar feiern. Und dabei machte er den Fehler, der sein Leben veränderte - einen flachen Hechtsprung ins bauchtiefe Wasser. Einheimische, mit denen er sich zuvor unterhalten hatte, retteten ihn aus dem Meer. Er wurde nach Nairobi geflogen, dann in die Unfallklinik nach Murnau, es folgten verschiedene Rehas, die ihn so fit machten, dass er Schulter und Arme wieder bewegen konnte, also bedingt selbständig leben und studieren.

Im Alltag braucht er Hilfe beim Aufstehen, zu Bett gehen und für die Körperpflege. Zwar kann er immer noch nicht greifen, doch mit dem Handballen kann er seinen Rollstuhl anschieben, ein Elektromotor verstärkt den Antrieb, sodass er auch allein unterwegs sein kann. Auf den schlechten Straßen in Havanna war das trotzdem sehr anstrengend, erzählt er und lacht.

"Was mir in Kuba gut gefallen hat, ist die Offenheit der Menschen. Als Rollstuhlfahrer wirst du da ganz anders wahrgenommen." Anstelle von Taron G. halfen ihm ein junger Kubaner und eine Auslandsstudentin. Doch der professionelle Pfleger und Freund fehlte ihm: Aufgrund einer Druckstelle, die sich wegen des tropischen Klimas stetig verschlimmerte, musste Samuel sechs Wochen früher als geplant nach München zurückkehren. Jetzt legt er eine kurze Studienpause ein, mit dem Master will er frühestens im Wintersemester beginnen. Sein Traum: in München ein barrierefreies Haus finden, das von Studenten und Flüchtlingen gemeinsam bewohnt und als Begegnungsort genutzt werden kann.