SZ-Adventskalender Den Blick nach vorne finden

Projekt M-Gravelottestraße 12: Hier kommen psychisch Kranke und Wohnungslose unter

Von Thomas Anlauf

Hoffnung, das signalisiert der sonnendurchflutete Wald auf der Fototapete. Eine Hoffnung für Menschen, die, bildlich gesehen, im Wald stehen, sich dort verirrt haben. Die kein Licht mehr sehen in ihrem Leben. Wie die zwei Menschen, die nun hier im Gemeinschaftsraum eines besonderen Münchner Wohnprojekts stehen. Als Claudia A. und Philipp Z. in der Gravelottestraße 12 einzogen, wussten sie einfach nicht mehr weiter. Jetzt blicken die beiden Münchner allerdings schon wieder nach vorne, auch wenn es nicht leicht werden wird, in Zukunft wieder selbständig zu leben.

"Ich hatte gehofft, nach zwei bis drei Jahren kann ich wieder stehen", sagt Philipp Z. Sein Drogenentzug ist nun schon vier Jahre her. In der Gravelottestraße 12 lebt er nun auch schon ein paar Jahre. Er hat dort ein kleines Appartement, wenn er wieder mal in ein Loch fällt, dann ist rund um die Uhr jemand da. Tagsüber sind Sozialpädagogen im "Wohnprojekt M-Gravelottestraße 12" für die Bewohner als Ansprechpartner da, nachts können sie auch mit dem Pförtner sprechen, wenn sie Probleme haben. Und Probleme haben irgendwie alle der 42 Bewohner. Sie haben gemein, dass sie psychisch krank und wohnungslos sind.

Besondere Hausgemeinschaft: In der Gravelottestraße 12 haben Bewohner immer einen Ansprechpartner.

(Foto: Florian Peljak)

"Wir sind hier eine Schnittstelle zwischen Wohnen und Psychiatrie", sagt Holger Steckermaier. Er ist Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH des Projektevereins, der letztlich der Arbeiterwohlfahrt Awo angegliedert ist. Die Gravelottestraße 12 ist eigentlich eine Notunterkunft, "aber eine Luxusversion mit Appartements mit Betreuung", sagt Einrichtungsleiter Horst Reinwarth. In der Regel bleiben die Betroffenen 18 Monate in der Einrichtung und können sich dort wieder auf ein Leben in der Selbständigkeit vorbereiten. Das Team von insgesamt 20 Sozialpädagogen hilft den Menschen dabei, ob es um Formulare geht oder darum, soziale Kontakte zu knüpfen oder einfach Hilfe im alltäglichen Leben zu geben. Denn viele, die hier einen Platz bekommen, waren vorher in der Psychiatrie oder in Heimen untergebracht, eine Minderheit kommt direkt von der Straße.

Claudia A. fand schließlich hier eine Zuflucht, weil sie ihre Wohnung verloren hatte. Sie leidet seit vielen Jahren unter Depressionen, hatte auch schon in betreutem Wohnen gelebt, dann aber doch eine eigene Wohnung gefunden. "Der Vermieter hat mir wegen Eigenbedarf gekündigt", sagt die gebürtige Münchnerin. "Dann kamen die Depressionen wieder." Seit dreieinhalb Jahren lebt Claudia A. mittlerweile in der Einrichtung, "leider", sagt sie. Denn natürlich möchte sie wieder selbständig wohnen, in einem eigenen Appartement. Doch selbst eine Sozialwohnung zu bekommen, das dauert oft Jahre. Bis zu knapp eintausend Bewerber kämen auf eine Wohnung, hat sie erfahren müssen. Philipp Z. nickt, auch er versucht schon seit einiger Zeit, wieder in eine eigene Wohnung ziehen zu können.

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Dabei weiß er, dass er vermutlich auch dort noch immer eine ambulante Betreuung bräuchte. Denn er kommt von ganz unten. "Ich habe mein halbes Leben Raubbau an mir selbst betrieben", sagt er. Bis er 2013 dann den Entzug wagte. "Ich habe damals gemerkt, wenn ich nicht aufhöre, bin ich nicht mehr lange hier", sagt der 43-Jährige.

Die Einrichtung in Haidhausen gibt Philipp Z. Halt und Sicherheit. "Man gibt den Leuten hier Zeit, sich selbst zu finden." Regelmäßig bieten Horst Reinwarth und sein Team Frühstücks- oder Spielerunden im Gemeinschaftsraum an, es gibt Ausflüge und wenn genügend Geld zur Verfügung steht, fahren sie mit den Bewohnern sogar gemeinsam in den Urlaub.

Der SZ-Adventskalender unterstützt seit Jahren das Wohnprojekt, das nebenan in der Hausnummer 14 sogar eine ebenso große Wohnanlage für Langzeitwohnen unterhält. Jetzt braucht die Einrichtung Geld, um den Hof, der bislang vor allem als Parkplatz dient, für die Bewohner schöner herzurichten. Dann sind sie nicht mehr darauf angewiesen, entweder in ihren kleinen Appartements zu bleiben oder in Haidhausen auf die Straße zu gehen.

Eines ist dem Geschäftsführer Holger Steckermaier dabei besonders wichtig. In der Nachbarschaft gebe es wegen der mehr als 80 psychisch kranken Bewohner keinerlei Klagen. "Die meisten unserer Menschen leben eher zurückgezogen und haben sogar Angst vor draußen." Diese Angst will das Wohnprojekt ihnen möglichst nehmen.