SZ-Adventskalender Aus Alt mach Heu

Die Abfallwirtschaftsbetriebe München versteigern noch brauchbare Gegenstände. Diesmal dient die Auktion einem guten Zweck: Der Erlös kommt benachteiligten Münchner Familien zugute

Von Pia Ratzesberger

Goran Djordjevic legt noch einmal eins drauf, denn keiner der beiden gibt auf. Es geht jetzt um 250 Euro, und die Frau vor ihm im schwarzen Mantel hebt trotzdem die Hand. 300 Euro. Sie schielt zu dem Mann neben ihr, auch er hebt noch einmal die Hand. 350 Euro. So geht der Preis nach oben, immer weiter, die Frau hebt die Hand, der Mann hebt die Hand - "500 Euro zum Ersten", sagt Djordjevic irgendwann. Die Frau schüttelt den Kopf, und Goran Djordjevic lässt den Hammer auf den Tisch fallen. Das Bild ist verkauft, an den Mann, für 500 Euro.

Die Abfallwirtschaftsbetriebe versteigern auch alte Räder.

(Foto: Catherina Hess)

Sonst trägt Goran Djordjevic so hohe Summen nur selten in seine Liste ein, heute aber ist das anders. Nach dem Bild wird es um einen Segway gehen, für 425 Euro wird der weggehen. "Ist ja für einen guten Zweck." In der Halle 2 im Norden der Stadt versteigert Goran Djordjevic, 47, jedes Wochenende, was andere wegwerfen. Und mitunter sind da erstaunliche Dinge dabei, ein altes Tandem-Fahrrad zum Beispiel und ein Schachbrett aus Marmor, Eisstöcke aus den Siebzigern und ein Dachträger für einen 3er-BMW. In der Halle 2 landet all das, was die Münchner an den Wertstoffhöfen abgeben, manche fahren ihre Sachen auch direkt zu dem Gebrauchtwarenkaufhaus in Pasing. Dort steht das Alte dann aufs Neue im Regal, Skischuhe zum Beispiel, Picknickkörbe und Kronleuchter - in dieser Halle sieht man ganz gut, wie viel die Menschen anhäufen - wie viel sie wegwerfen.

Der Hammer entscheidet schließlich, wem die Gegenstände gehören.

(Foto: Catherina Hess)

Die Halle 2 gehört zu den Abfallwirtschaftsbetrieben, die sich um den Müll in München kümmern, mit diesem Kaufhaus wollen sie im Jahr eine Tonne Abfall sparen. Sie verkaufen die Sachen zu günstigen Preisen weiter oder versteigern sie, das Geld geht in den Haushalt. Nur an diesem ersten Samstag im Dezember ist das anders, heute geht das Geld ausnahmsweise an den Adventskalender der Süddeutschen Zeitung. Die Regeln sind deshalb auch etwas lockerer, vorne auf der Bühne sagt Goran Djordjevic gerade: "Heute dürft ihr höhere Beträge einfach reinrufen." Sonst ist das verboten. Die Stühle sind alle besetzt, die Frau im schwarzen Mantel zum Beispiel ist nur wegen des Bildes da, wegen "Amor schnitzt den Bogen", der Kopie eines Werke des flämischen Malers Peter Paul Rubens, das Original hängt in der Alten Pinakothek. Aber 500 Euro sei dann doch zu viel Geld und überhaupt: Eigentlich hatte sie ihr Limit schon viel früher erreicht, sagt sie, aber dann hebe man eben doch noch einmal die Hand. Der Rausch der Auktion. Vielleicht also sei es gar nicht schlecht, dass sie nicht gewonnen habe.

Alte Räder, Bilder, Instrumente: In Halle 2 der Abfallwirtschaftsbetriebe kommt alles Mögliche unter den Hammer oder wird verkauft. Unter anderem soll so eine Tonne Müll pro Jahr gespart werden.

(Foto: Catherina Hess)

In der Halle 2 geht es an den meisten Wochenenden eher um geringere Beträge, oftmals um Summen unter 100 Euro. "Wir sind die Versteigerung für den kleinen Mann", sagt Goran Djordjevic. Er leitet die Halle, erst im vergangenen Jahr sind er und sein Team von Giesing nach Pasing umgezogen und nun haben sie das Ganze aufgezogen wie einen großstädtischen Möbelladen. An der Decke hängen die obligatorischen Glühbirnen, die Regale hinten an der Wand erinnern an die Neue Pinakothek, die gebrauchten Waren wirken in den großen Fächern wie Ausstellungsstücke - das war Absicht. Man soll sehen, wie die alten Dinge wertgeschätzt werden.

Djordjevic und seine Mitarbeiter heben besondere Ware stets für den Samstag auf, manches stellen sie auch in den Tagen zuvor schon in den Regalen aus, mit einem kleinen Schild versehen: "Ich werde versteigert." Manches aber findet trotzdem keinen Käufer, der Dachträger für den 3er-BMW zum Beispiel. "Fährt denn hier keiner einen?", fragt Djordjevic gerade. Keiner fährt einen, keiner hebt die Hand. Auch die Sitzgarnitur mit den sechs gepolsterten Stühlen will niemand, den Hostienbehälter ebenfalls nicht. Aber Djordjevic versteigert unter anderem noch eine Statue von Louis Armstrong, eine Galeere aus Holz, eine italienische Trompete, auch das alte Tandem-Fahrrad. Am Ende trägt er eine Zahl mit vier Stellen in seine Liste ein, so hoch wie sonst selten. 4000 Euro gehen in diesem Jahr an den SZ-Adventskalender. Zum Ersten, zum Zweiten - zum Dritten.