Synchronsprecher Norbert Gastell Durch dick und dünn mit Homer Simpson

Seit 22 Jahren ist er die deutsche Stimme von Homer Simpson. Doch Norbert Gastell kann viel mehr, als in der Dunkelkammer nölige Töne spucken - der 82-Jährige hat Musical, Kabarett, Theater und Fernsehen gemacht. Dass Homer ihn länger begleiten würde als alles andere, hätte er sich nie träumen lassen.

Von Michael Zirnstein

"Tsie'n sie die 'ohrenge tu!" Der Regisseur am Mischpult zieht die Brauen hoch. Nein, die Aussprache gefällt ihm nicht. "Norbert", sagt er ruhig ins Mikrofon, "ich verstehe es noch zu sehr. Nimm den Mund voller." Der Mann in der Kabine nickt und drückt sich die Faust jetzt bis zu den Knöcheln zwischen die Zähne. "Pfie'n hie ie 'ohreng' pfu!" Wunderbar undeutlich, jetzt passt es - schön vernuschelt!

'Neiiin' - Norbert Gastell, Synchronsprecher von Homer Simpson, bei Aufnahmen im Studio.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Film auf den Bildschirmen läuft weiter, ein gelber Dickwanst liegt in einer Konditorei auf dem Tresen und stopft sich eine riesige Zimtschnecke in den Mund, derweil zieht ein pickliger Verkäufer wie befohlen die Ladenvorhänge zu. "Ah", "hmmm", "ohhh", "rrrrrh", stöhnt es lustvoll aus den Lautsprechern. "Prima", sagt der Synchronregisseur, "die Aufnahme können wir noch für gewisse andere Filme verwenden."

Manchmal muss ein Schauspieler eben schmutzig sprechen. Norbert Gastells Hauptrolle ist nicht nur in dieser Hinsicht herausfordernd: In allen gut 500 Folgen der am längsten laufenden Zeichentrickserie der Welt ist der Münchner die deutsche Stimme von Homer Simpson. Dem "liebenswerten Versager", wie er ihn nennt.

Seit 22 Jahren geht er mit ihm durch dick und dünn, oder besser: Während Homers Gewicht zwischen 98 und 150 Kilogramm pendelte, hat Gastell seine Linie gehalten. Man kann auch nicht sagen, Homer sei mit Norbert alt geworden: Simpson verharrt bei 38 Jahren, Norbert hat von 61 auf 82 Jahre erhöht. Was man ihm nicht ansieht - mit der dunklen Jeans, der sportlichen Brille, dem Hemd mit dem Poloreiter auf der Brust und dem schelmischen Blick.

Rauchpause im Hof der Film- & Fernsehen-Synchron GmbH an der Poccistraße. Gastell erzählt einen Witz über Würmer, Alkohol und Nikotin - wie lustig muss es zugegangen sein, als er sich hier noch gemeinsam mit anderen Simpsons-Sprechern wie der Münchnerin Sabine Bohlmann duellierte: von Vater Homer zu Tochter Lisa.

Vor ein paar Jahren kam irgendwer darauf, es sei effektiver, jede Stimme einzeln aufzunehmen. Track by Track. "Wir trauern den alten Zeiten nach. Heute sind wir allein in unser Kabuff eingesperrt", sagt Gastell, "wenn mich jemand fragt: ,Hey Homer, wie geht es Marge?' Dann sage ich: ,Keine Ahnung, ich habe meine Frau noch nie gesehen.'" Anke Engelke spricht Mrs Simpson in Köln ein.

"Harte Arbeit wie am Fließband"

In den USA läuft es ganz anders: Dort spielen die Sprecher die Dialoge zuerst, dann wird passgenau gezeichnet. Dafür soll der Original-Homer Dan Castellaneta auch 500.000 Dollar je Folge bekommen, sagt zumindest Gastell - "bei mir sind es nur 10.000 Euro pro Staffel", erklärt der nicht weniger austauschbare deutsche Sprecher. Jedenfalls sei das Synchronsprechen, vom großen Fritz Kortner als "Dunkelkammergewerbe" verhöhnt, eine unterschätzte Kunst, sagt er, "man sollte es eher Synchronspielen nennen. Aber es ist auch harte Arbeit wie am Fließband".

"Das war ja eine lange Zigarettenpause", ruft Matthias von Stegmann oben zur Begrüßung. Er darf das, er hat hier das Sagen. Er ist nicht nur der Synchronregisseur und spricht gelegentlich selbst, er hat auch das Skript übersetzt, kennt somit jede Folge en gros und en détail und weiß, wie viel heute noch für Gastell zu tun ist.

"Wir haben 50 Takes vor uns", kommuniziert er durchs Mikro. Weiter mit Staffel 23, Folge elf, die im September auf Pro Sieben zu sehen ist. Die nächsten Worte wollen einfach nicht auf Homers Lippen passen, immer wieder ist Gastell einen Tick zu langsam. "Gemeinheit, ist das schwer!", ruft er schnaufend. "Ich weiß", schalt es vom Pult zurück, "da habe ich dir eine kleine Sprachübung geschrieben."

Als ob Norbert Gastell die nötig hätte! Er hat eine der besten Ausbildungen genossen, die es in den Nachkriegsjahren gab: in der Schauspielschule von Ruth von Zerboni in Gauting, in einer Klasse "mit Hänschen Clarin und der Ingeborg Lapsien".