16.000 Studenten nehmen zum Winter ihr Studium in München auf, doch viele von ihnen finden kein Zimmer.
Eigentlich interessiert sich Benjamin Pflaum mehr für die Besonderheiten der chinesischen Sprache und Kultur. Doch bevor er mit dem Studium der Sinologie beginnen kann, hat er sich erst einmal mit den Eigenheiten Münchens vertraut machen müssen: "Hier eine Wohnung zu bekommen, ist mir vier Monate lang nicht gelungen. Die einen Angebote waren zu teuer, die anderen zu hässlich", sagt er. Das Resümee seiner Vorstudien lautet: "Ich bin ausgewichen und wohne jetzt in Fürstenfeldbruck - auf 16 Quadratmetern für 220 Euro Miete."
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Als einer von 16 000 Studienanfängern, die an Münchens Hochschulen zum Wintersemester erwartet werden, hat Pflaum sich in diesen Tagen eingeschrieben. Als einer von 6000, die nicht aus der näheren Umgebung kommen und notfalls vom Elternhaus nach München pendeln könnten. Er ist aus einem Nachbarort Augsburgs angereist und steht am Dienstagmorgen mit Hunderten Gleichgesinnter in einer Schlange, um sich an der Münchner Universität (LMU) zu immatrikulieren: ein Andrang, wie er zurzeit nur noch im Studentenwerk herrscht. Dort, wo Privatzimmer an Studenten vermittelt werden.
Dabei ist die Lage nicht mehr ganz so hoffnungslos wie im vergangenen Jahr. Mit Aushängen von 20 000 Plakaten in den Münchner U-Bahnen will das Studentenwerk im Wintersemester mehr als 3000 Bürger dazu angeregen, Wohnraum an Studenten zu vermieten. Im Herbst 2002 hatte ein ähnlicher Versuch bereits erste Erfolge gezeigt - damals, als die Wohnungsnot der Studenten ein Rekordniveau erreicht hatte. Sogar ausländische Partneruniversitäten hatten zu Beginn des vorigen Wintersemesters Stellung bezogen zur Münchner Wohnungsnot: "Wir können euch unsere Leute leider nicht schicken", hieß es. Das berichtet der Leiter des Studentenservicezentrums der Technischen Universität (TU), Edmund Cmiel. "In diesem Jahr dagegen hat sich noch niemand beschwert", sagt er. Und in diesem Jahr kamen auch nur etwa 400 angehende Hochschüler in die Studentenstadt Freimann, um einen der Wohnheimplätze zu ergattern, die das Studentenwerk dort alljährlich verlost. Das waren halb so viele Erstsemester und mit 300 Unterkünften doppelt so viele Angebote wie in den Vorjahren.
"Es deutet eben alles auf Entspannung hin", urteilt Angelika Schall, die für die Studentenvertretung der TU eine Zimmervermittlung betreut. "Es melden sich mehr private Vermieter bei uns als in den letzten Jahren, und die Mieten sind annehmbarer geworden. Offenbar brauchen viele Eigentümer Geld."
Entspannung? Vor der Zettelwand mit den Wohnungsangeboten des Studentenwerks steht Ramona Fischer aus Lingen mit ratlosem Blick: "München ist dicht", stellt sie fest - jedenfalls für angehende Hochschülerinnen wie sie. "In Lingen wohne ich für 270 Euro Miete auf 60 Quadratmetern. In München kann ich mir fast gar nichts leisten. Und dann sowas", sie zeigt auf die Zettel: "Zusatzbedingungen! Man soll als Mieter nebenbei den Garten machen, oder hier: die Kinder hüten!" Wie solle sie das stemmen, neben dem Studium der Kommunikationswissenschaft und neben dem Job, mit dem sie ihre Miete werde finanzieren müssen? Ob Ramona Fischer indes Aussicht hätte auf einen der 7300 preisgünstigen Plätze in einem Münchner Studentenwohnheim, ist ebenso fraglich. Zwar legt Dieter Maßberg, Geschäftsführer des Münchner Studentenwerks, mit 220 neu geschaffenen Wohnplätzen in diesem Jahr eine Bilanz vor, die ihn ein wenig stolz stimmt. Doch der Bedarf sei damit noch bei weitem nicht gedeckt, sagt er. So wurden zwar nach dem Ausbau von Dachgeschossen an der Chiemgauer Straße zum Semesterstart 80 neue Wohnplätze bezugsfertig, und im Dezember kommen weitere 115 Wohneinheiten im ehemaligen Kasernengebäude an der Dachauer Straße hinzu. So entstanden zwar in Maßbergs Regie 36 neue Unterkünfte einer Schweizer Stiftung an der Richard-Wagner-Straße, und 95 Wohneinheiten richteten die Evangelischen Studentenwohnheime in Garching ein. "Doch wir müssen weiterbauen", sagt Maßberg. 2300 neue Unterkünfte will das Studentenwerk in den kommenden vier Jahren fertigstellen. 3000 würden allerdings schon heute gebraucht, um dem wachsenden Zuzug von Hochschülern nach München begegnen zu können.
"Das Problem dabei sind aber nicht etwa explodierende Studierenden-Zahlen", sagt Maßberg. Es zeichne sich vielmehr "ein strukturelles Problem" ab: Mit der erfolgreichen Werbung der großen Hochschulen um Studenten aus dem Ausland ziehen mit jedem Semester mehr Kurzzeit-Hochschüler in die Stadt. 17 Prozent der Erstsemester seien es mittlerweile, die im Durchschnitt nur für ein Jahr aus dem Ausland nach München kämen. Für eine so kurze Zeit aber vermiete kaum ein Wohnungseigentümer gern seine Zimmer. Und auch die Vorbehalte von Vermietern gegenübern Ausländern - "insbesondere aus dem muslimischen Kulturkreis", wie die Zimmervermittlerin Schall berichtet - erschweren es den Gaststudenten, Wohnungen auf dem freien Markt zu finden. "Wir bevorzugen sie daher bei der Vergabe unserer eigenen Unterkünfte", sagt Maßberg.
2500 Hochschüler stehen auf der Warteliste für die Wohnheimplätze des Studentenwerks. Etwa ein Jahr lang muss jeder von ihnen warten, bis er eine Unterkunft bekommt - eine Frist, die kurzzeitig in München lebende Gaststudenten aus dem Bewerberkreis ausschlösse. Auch deshalb müssten sie bei der Vergabe von Wohnplätzen bevorzugt werden. "Gerechtigkeit herzustellen" - etwa zwischen einem wohnungslosen Studenten aus Hamburg und einem aus Senegal - "ist da natürlich verdammt schwierig. Wir verwalten nach wie vor einen Wohnungsmangel", sagt Maßberg.
Allein Studentinnen wie Bettina Vetter haben gar kein Anrecht auf eine Unterkunft in einem Münchner Studentenwohnheim. Denn sie kann während des Kunstgeschichts-Studiums, für das sie sich jetzt einschrieb, weiter im Haus ihrer Eltern wohnen. "An einer der letzten S-Bahnstationen im Umland", sagt sie. Von dort aus muss Bettina Vetter vorerst mit der S-Bahn zur LMU pendeln. "Und jetzt weiß ich nicht, ob ich es überhaupt schaffe, daheim auszuziehen. Die Mieten in München kann ich mir nur leisten, wenn ich jobbe. Aber bleibt mir dazu neben dem Studium genug Zeit?"
Christina Ellebrecht aus Gelsenkirchen dagegen darf sich diese Frage gar nicht stellen. "Natürlich werde ich nebenher Geld verdienen", sagt die angehende Politikwissenschafts-Studentin, die vor dem Büro der Privatzimmervermittlung des Studentenwerks ausharrt - schon zum wiederholten Mal, denn bislang gefiel ihr keine Wohnung. "Das sind alles solche Angebote wie ,14 Quadratmeter in Schwabing für 430 Euro'. Wie soll man in so einem Loch studieren? Das habe ich dann doch lieber gelassen."
Maßberg bestätigt: "Von einer gravierenden Entspannung auf dem Mietmarkt kann keine Rede sein." Die Situation sei nach der Rekord-Not im vergangenen Jahr nur leicht gemildert. Und so haben seine Mitarbeiter bereits wieder Notunterkünfte eingerichtet: sechs Quadratmeter große Kabinen aus Stellwänden in einem Raum in der Studentenstadt Freimann. Ein paar Betten in Büroräumen. Die acht ersten Studienanfänger sind bereits eingezogen.
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