Studie zu Obdachlosen Qualen der einsamen Wölfe

232 Bewohner von Häusern der Wohnungslosenhilfe, von Notunterkünften und Pensionen haben an der "Seewolf"-Studie teilgenommen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Obdachlose leiden besonders häufig unter psychischen Erkrankungen. Das hat eine Studie des Klinikums rechts der Isar ergeben. Doch nur ein Drittel der Betroffenen erhält die nötige Betreuung.

Von Sven Loerzer

Noch immer existiert der Mythos vom glücklichen Clochard, dem obdachlosen Aussteiger, der unbeschwert in den Tag hineinlebt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Nach einer repräsentativen Untersuchung der Klinik für Psychiatrie am Klinikum rechts der Isar der TU München leiden zwei Drittel der allein stehenden wohnungslosen Männer und Frauen unter psychischen Erkrankungen. Aber nur ein Drittel erhält eine entsprechende Versorgung.

Das zeigt die "Seewolf"-Studie, an der 232 Bewohner von Häusern der Wohnungslosenhilfe, von Notunterkünften und Pensionen teilnahmen: Der Name steht für "Seelische Erkrankungsrate in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe". Mit dem Klischee vom einsamen Wolf haben die Wohnungslosen aber nichts gemein: "Es handelt sich nicht um Aussteiger, sondern um Menschen, die mit ihrem Latein am Ende und nicht mietfähig sind", sagte Josef Bäuml, leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar.

80 Prozent leiden unter Suchterkrankungen

Insgesamt seien 94 Prozent akut oder ehemals psychisch krank. Die Betroffenen verfügen über deutlich niedrigere Bildungsabschlüsse als im Bevölkerungsdurchschnitt, ihre geistige Leistungsfähigkeit ist deutlich eingeschränkt. Rund 80 Prozent leiden unter Suchterkrankungen, viele trinken, um mit den Auswirkungen der psychischen Erkrankungen besser zurecht zu kommen. 55 Prozent leiden unter Persönlichkeitsstörungen.

Bei 40 Prozent diagnostizierten die Wissenschaftler eine Depression, bei 20 Prozent Angsterkrankungen, bei 14 Prozent schizophrene Erkrankungen. Im Durchschnitt hatten die Befragten seit fünf Jahren keine eigene Wohnung mehr und hatten sogar elf Monate auf der Straße hinter sich. Oft liege bei ihnen eine "sehr schwierige, sperrige Persönlichkeitsstruktur" vor, "die nicht den Beschützerinstinkt von Therapeuten" weckt, erklärte Bäuml.

Risikofaktoren Partner- oder Arbeitsplatzverlust

Im Schnitt waren die Studien-Teilnehmer schon lange bevor sie ihre Wohnungen verloren krank: 6,5 Jahre. Zwar bedeute das nicht, dass dies die Ursache für den Wohnungsverlust sein müsse, jedoch handle es sich um einen Risikofaktor. Im Zusammenspiel mit anderen Faktoren wie Partner- oder Arbeitsplatzverlust entstehe eine "sozial prekäre Situation", sagte der Leiter der Arbeitsgruppe Klinische und Experimentelle Neuropsychologie, Thomas Jahn. Die Menschen müssten deshalb früher Hilfe erhalten, damit sie nicht aus dem Mietverhältnis fallen, forderte Bäuml.

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Den hohen Anteil psychisch Kranker in der Wohnungslosenhilfe führte er auf die im Zuge der Enthospitalisierung erfolgten Bettenabbau in der stationären Psychiatrie zurück. Ein Teil der Menschen sei von den ambulanten psychiatrischen Hilfsangeboten nur schwer zu erfassen, erklärte Bäuml.

Man wolle deshalb noch stärker auf "multiprofessionelle Teams" in den Einrichtungen setzen, betonte Thomas Duschinger von der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Der Referent für Gesundheitshilfen des Katholischen Männerfürsorgevereins, Gerd Reifferscheid, forderte, die psychiatrische Betreuung in den Einrichtungen zu verbessern, vor allem auch die Ausstattung mit Fachkräften.