"Strobo"-Lesung in München ... und nun das Kapitel "Speedficken"

Helene Hegemann hat aus dem Berghain-Roman Strobo des Bloggers Airen abgeschrieben. Ein Besuch bei der Lesung aus dem "Original".

Von Lisa Sonnabend

Da ist wieder so ein Satz, der knallt. "Das Unerträgliche erträglich machen - darum geht es doch im Leben." Warum Helene Hegemann den nicht auch noch übernommen hat? In München fand am Donnerstagabend eine Lesung aus dem autobiographischen Roman Strobo des Berliner Bloggers Airen statt - dem Buch, das in die Schlagzeilen geraten ist, weil die 17-jährige Helene Hegemann, ein von den Medien zum Literatur-Wunderkind hochgeschriebenes Mädchen, für ihren Debütroman Axolotl Roadkill Passagen daraus abgekupfert hat.

Aufgedeckt hat dies der Münchner Blogger und Literaturveranstalter Deef Pirmasens. Da Airen anonym bleiben möchte, liest Pirmasens die Passagen nun selbst.

Lediglich 300 Exemplare gibt es von Strobo - und die sind inzwischen vergriffen. Kein Wunder, dass mehr als 50 Münchner in die Bar Niederlassung im Glockenbachviertel gekommen sind, um sich ein Bild von dem "Original" zu machen. Es ist voll. Nicht so voll, dass der Kassierer niemanden mehr hineinlassen würde. Aber so voll, dass nach einiger Zeit kein Pilsner Urquell mehr da ist und Nachschub aus dem Keller geholt werden muss.

Schon einmal - im September 2009 - hat Pirmasens eine Strobo-Lesung im Rahmen seiner monatlichen Reihe "Multimediale Lesungen" veranstaltet. Auch diesmal werden Visuals an die Wand geworfen: Partyfotos, Szenen aus der Berliner U-Bahn, Tanzende, Discolichter. Im Hintergrund läuft Elektro- und Techno-Musik, während Deef Pirmasens mit eindringlicher Stimme Kapitel vorliest, die "Marihuana", "In der Hölle" oder "Speedficken" heißen.

Airen fängt mit 14 Jahren in einer bayerischen Kleinstadt an zu kiffen, es kommen immer mehr Drogen hinzu. Als er zum Studieren nach Berlin geht, auch noch der Techno. Später macht Airen ein Praktikum in einer Unternehmensberatung, die Wochenenden verbringt er im Club Berghain, hat Sex mit Männern und Frauen und nimmt jede Menge Drogen.

Hegemann fand diese Story, diese Stimmung, diese Sprache so eindringlich, dass sie ganze Passagen und Szenen für ihr Buch fast wörtlich übernommen hat, ohne jedoch die Quelle anzugeben.

Ein Beispiel: "Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut." Oder dieser Dialog: "'Lass uns ficken!' - 'Nein.' - 'Wieso nicht?' - 'Ich ficke nicht.' - 'Mann Alter, ich bin übelst geil, wir holen jetzt nen Gummi von der Bar und ficken!' - 'Nein.' - 'Aber warum nicht? Bist du positiv?' - 'Ja.' - "Ich gehe tanzen"."

Hegemanns Verlag Ullstein hat inzwischen mit Airen einen eigenen Buchvertrag geschlossen. Strobo wird im Herbst als Taschenbuchausgabe bei Ullstein erscheinen.

Zwei Mädchen, nur wenig älter als Helene Hegemann, kichern ständig, als es um Details im Darkroom des Berghain oder Drogenexzesse geht. Auch Mirko Hecktor, der derzeit wohl angesagteste DJ Münchens, ist da. Ob ihm einige Disco-Erlebnisse aus Strobo bekannt vorkommen?

Ein Mann um die 40 mit Kapuzenjacke lehnt an der Bar. Auch er will lieber anonym bleiben. Denn so ganz fremd sei ihm die Handlung von Strobo nicht, sagt er. Auch seine Nächte Ende der achtziger Jahre in der Kulturstation Oberföhring, die als Keimzelle der Münchener Techno-Szene gilt, seien exzessiv gewesen. "Der Nebel war so dicht und wir so verpeilt, dass wir zwei Stunden gebraucht haben, um den Ausgang zu finden. Und als wir mittags ins Freie taumelten, machte eine Gruppe japanischer Touristen Fotos von uns", erinnert er sich. Eine Passage, wie sie auch in Strobo vorkommen könnte.

Und dann tritt der Mann in Kapuzenjacke noch eine neue Plagiats-Debatte los: "Ich bin mir sicher, dass Airen den Film Trainspotting kennt und sich davon inspirieren lassen hat. Einige Stellen kommen mir schon sehr ähnlich vor."

Seins oder nicht seins?

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