Streit zwischen Rollstuhlfahrer und Krankenkasse Geschichte einer Behinderung

"So einer wie ich steht immer im Weg": Christian Klein und sein alter Garant 24 S, Baujahr 1998.

(Foto: Julian Baumann)

Der Münchner Christian Klein sitzt im Rollstuhl - seit 14 Jahren im selben rostigen Ungetüm. Dann beantragt er bei seiner Krankenkasse einen neuen. Das ist jetzt mehr als ein Jahr her. Doch er sitzt noch immer im alten. Die Krankenkasse findet: Ein Rollstuhlfahrer muss nicht unbedingt überall hin.

Eine Reportage von Karin Steinberger

Wenn man Menschen braucht, die einen am Morgen aus dem Bett heben, die einen aufs Klo setzen, den Hosenlatz schließen, einem das Essen in den Mund schieben, den Speichel abwischen, wie einem Baby. Wenn man Beine hat, die nicht mehr laufen, und Hände, die nichts mehr halten, dann ist Scham etwas, was man hinter sich hat. Dachte er.

Bis er im Sommer 2011 einen neuen Rollstuhl bei seiner Krankenkasse, der Barmer GEK, beantragte. Da musste er plötzlich erklären, was er in seiner Bank in der Friedrichstraße will. Oder im Supermarkt am Hohenzollernplatz. In der Bäckerei Wimmer, im Getränkemarkt, im Waschsalon, im DB-Shop, beim Gemüsehändler, in der Apotheke, in der U-Bahn-Station, im Käseladen, in der Buchhandlung, beim Optiker.

Muss ein Behinderter da überall hin? Muss ein Mensch im Rollstuhl die Eltern besuchen, den Bruder, muss er in eine Kneipe? Muss er ein Leben haben, mitten in der Gesellschaft?

Na ja, sagt die Barmer GEK Krankenkasse und bettet alles in unverbindliche Worte. "Natürlich haben wir großes Verständnis dafür, dass Herr Klein seine Eltern besuchen möchte. Im Vordergrund steht jedoch die medizinische Notwendigkeit."

Rostiges Ungetüm, Baujahr 1998

Christian Klein, wohnhaft in München, geboren 1966, mit elf Jahren wurde bei ihm eine fortschreitende Muskelerkrankung diagnostiziert, neurale Muskelatrophie, mit 14 Jahren bekam er den ersten Rollstuhl, seit 1995 hat er Pflegestufe III. Wer ihm die Hand drücken will, muss sie sich selbst holen und gut festhalten, damit sie nicht wegsackt. Das ist die Geschichte: Christian Klein möchte ein Leben, seine Krankenkasse möchte sparen.

Er sitzt immer noch in seinem alten Elektro-Rollstuhl, Garant 24 S, Baujahr 1998, ein rostiges Ungetüm, das ächzt und knurrt wie ein alter Mann. Klein fährt zum Schreibtisch und sagt zum Computer: "Thunderbird öffnen, Maus 1 4 5 2, Mausklick, 11 nach unten." Dann ist er im Unterordner "Neuer E-Stuhl 2011". Ellenlange Korrespondenzen ploppen auf. Briefe von der Barmer an Klein, von Klein an sein Sanitätshaus, vom Sanitätshaus an die Barmer, von Klein an die Barmer. Erst verbindlich, dann zunehmend gereizt. Fünfzehn Monate Rollstuhlkorrespondenz.

Christian Klein lacht, schnappt nach Luft, lacht, schnappt. Er zuckelt mit seinem elektrischen Rollstuhl vor und zurück, um den Brustkorb hat er einen Gürtel geschnallt, ganz eng, er ist an der Lehne festgemacht. Sieht aus wie selbstgebastelt. Ist es auch. Im Sommer hatte er an den Druckstellen großflächige Entzündungen. Es ist halt ein Gürtel, nicht das, was er mit dem neuen Rollstuhl bekommen hätte, einen Oberkörpergurt, individuell einstellbar, breit, abgepolstert, 85 Euro, netto.

Durch das Geruckel fängt sein Oberkörper an zu schaukeln, er fällt nach vorne, nach hinten, der Gürtel schnürt den Brustkorb zusammen. Er japst nach Luft. Als würde ihm jemand den Schnorchel zuhalten. "Das ist kein Hospitalismus, ich habe nur Probleme mit der Atmung", sagt er, wackelt. Nur? Der Gürtel presst die Luft aus der Lunge, dann kann er einatmen. Das immerhin geht noch. Er will wenigstens am Tag ohne Beatmungsgerät leben.