Streit beim Radio Die Vorentscheidung zur Zukunft von M 94,5 fällt diese Woche

Solidarität mit M 94,5 bewiesen bei einem Festival im Feierwerk Bands wie "Hadern im Sternenhagel".

(Foto: Johannes Simon)
  • Darf der Münchner Ausbildungssender M 94,5 seine UKW-Frequenz behalten oder ist er demnächst nur noch über Internet empfangbar?
  • In dieser Frage fällt diese Woche eine Vorentscheidung: Am Donnerstag tagt der Ausschuss, dessen Meinung maßgeblich ist.
  • M 94,5 scheint schlechte Chancen zu haben: Ein Strategiepapier sieht vor, private Radiosender in Bayern zu fördern.
Von Stefan Fischer

Bleibt der studentische Sender M 94,5 den Münchner Radiohörern über seine UKW-Frequenz erhalten? Oder muss er sich damit begnügen, für deutlich weniger Zuhörer nur noch im Digitalradio und im Internet empfangbar zu sein? In dieser Frage fällt am Donnerstag eine Vorentscheidung, großer Profiteur könnte der kommerzielle Sender Rockantenne sein, der die Frequenz stattdessen bekommen könnte. Nur Außenseiterchancen hat nach Lage der Dinge dagegen die Station Ego FM.

In der Münchner Popmusikszene und unter den zumeist jungen, studentischen Hörern von M 94,5 ist die Angst groß, dass ihr Lieblingssender das Nachsehen haben wird. Es wäre ein Verlust für die Münchner Radiolandschaft: Der Jugend- und Ausbildungssender ist der einzige in der Stadt, der lokalen Musikern kontinuierlich ein Forum bietet. Wie er sich überhaupt inhaltlich und klanglich von den kommerziellen Formatradios abhebt. Mehr als 10 000 Hörer täglich schätzen dieses Angebot. Erst am Wochenende trafen sich Hörer und Unterstützer in der Kranhalle im Feierwerk zu einem Solidaritäts-Festival. Mehr als ein Dutzend Bands spielte, darunter Candelilla und Hadern im Sternhagel. Es kamen mehr Menschen, als eingelassen werden konnten. Die Szene ist in Aufruhr.

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Die tatsächliche Entscheidung über die Frequenzvergabe wird am 16. Februar der 47-köpfige Medienrat der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) treffen - die BLM ist zuständig für die Genehmigung privater Rundfunkangebote. Diesen Donnerstag jedoch findet eine Anhörung der Betroffenen vor dem Hörfunkausschuss der BLM statt. Dem gehört ein Drittel der Medienratsmitglieder an, seiner Beschlussvorlage wird der Medienrat wohl folgen. In ihm sitzen Politiker und Vertreter wichtiger gesellschaftlicher Gruppen.

Ginge es nach Siegfried Schneider, dem Präsidenten der BLM, bekäme die Rockantenne, das zweite Radioprogramm von Antenne Bayern, die begehrte Münchner UKW-Frequenz 94,5. Und der nach dieser Frequenz benannte Ausbildungskanal M 94,5 wäre außen vor. Festgeschrieben sind diese Überlegungen der BLM in einem Strategiepapier "Hörfunk 2020". Ziel ist es, die privaten Sender in Bayern zu stärken. Hätte die Rockantenne die Münchner Frequenz, so die Argumentation, würden davon alle kommerziellen Radios im Freistaat profitieren.

Das liegt an der komplexen Verflechtung bei der Werbevermarktung: Rockantenne ist eine landesweite Welle, zu hören als Internetstream, über Satellit und den digitalen Standard DAB+. In Augsburg hat sie seit 2002 zusätzlich eine sogenannte UKW-Stützfrequenz. Um dort - und demnächst womöglich auch in München - den etablierten Lokalsendern nicht deren lokale Werbekunden abspenstig zu machen, darf sich die Rockantenne nicht selbst über die Antenne-eigene Tochter Spotcom vermarkten. Sondern nur gemeinsam mit den Lokalradios über die Bayerische Lokalradio Werbung (BLW).

Die BLW bietet Werbekunden sogenannte Funkpakete an. Darin sind mehrere Sender zusammengeschlossen; wer Werbespots bucht, bekommt sie von all diesen Sendern ausgestrahlt. Ein Funkpaket, in das auch die Rockantenne eingeschnürt ist mit einer Münchner UKW-Hörerschaft, wäre dadurch attraktiver und würde öfter gebucht, so das Kalkül. Die BLW wiederum könnte mit einem so aufgewerteten Werbe-Kombi-Angebot höhere Preis durchsetzen. In der Folge wären die Ausschüttungen an alle Sender höher, auch die BLR bekäme mehr Geld. Dieser Dienstleister produziert Nachrichten, Einzelbeiträge und ganze Sendestunden für die Lokalradios. Hat die BLR mehr Mittel, können die Sender mehr Inhalte für ihr Programm abrufen.

Etwa drei Viertel des Publikums hören M 94,5 über UKW

Hauptprofiteur wäre dennoch Antenne Bayern. Mit der UKW-Frequenz könnte der Radioanbieter einen sechsstelligen Betrag pro Jahr über Werbung einnehmen. Und damit jene 62 500 Euro um ein Mehrfaches kompensieren, die er zusätzlich pro Jahr in den Aus- und Fortbildungskanal (AFK) investieren will. Der AFK betreibt die Radiosender M 94,5 in München und Max in Nürnberg sowie AFK TV, mit einem Gesamtbudget von 1,25 Millionen Euro.

Für den AFK hat BLM-Präsident Siegfried Schneider auch einen Plan: "Der AFK muss die Speerspitze sein, wenn es darum geht, neue Dinge auszuprobieren." Deshalb soll sich der Ausbildungs-Sender M 94,5 "vollständig auf die digitale Welt einlassen". Um seine Ausbildungsziele zu erreichen, brauche das Studentenradio jedoch keine UKW-Frequenz. Es sei zwar wichtig, Programm für ein reales Publikum zu machen. Die Größe der Zuhörerschaft spiele aber keine Rolle. 2014 noch hatte Schneider gesagt: "Wir lassen live zu. Das heißt: Es wird gesendet, nicht irgendwo, auf einem versteckten Kanal, sondern einer UKW-Frequenz."

Wie Schneider die Dinge damals sah, sieht man sie beim AFK noch heute. Etwa drei Viertel des Publikums hören M 94,5 über UKW. Eine Beschränkung auf DAB+ und Livestream würde das Publikum dezimieren und den Sender marginalisieren, argumentiert der AFK. "Wir würden dann etliche Akkreditierungen, Interviews oder Bandauftritte nicht mehr bekommen", argumentiert Veronika Mittermüller, die als Chefin vom Dienst für M 94,5 arbeitet. "Und dann würde die Ausbildung eben nicht mehr unter realen Bedingungen stattfinden, sondern nur als eine Art Simulation." Der AFK wäre dann auch als Ausbildungsstätte nicht mehr so attraktiv wie bislang, so Mittermüller, "es würden nicht mehr so viele Leute zu uns kommen".

Es bleibt wenig Zeit, die digitale Speerspitze zu werden

Es geht nicht zuletzt um das Selbstverständnis: M 94,5 begreift sich nicht nur als Ausbildungsbetrieb, sondern auch als Teil des Münchner Kulturlebens. Und diejenigen, die sich dort engagieren, sehen ihre Zukunft nicht zwingend bei einem "Die beste Musik aus den Achtzigern bis heute"-Sender. Es sind aber vor allem diese Sender, für die die BLM ausbilden möchte.

Klaus Muth vom Förderkreis des Senders kritisiert, dass es bislang kein Konzept gäbe für die von Siegfried Schneider favorisierte Fokussierung aufs Digitale. Viel Zeit, sich neu zu justieren, soll M 94,5 offenbar nicht bekommen: Zwischen der Entscheidung und dem möglichen Frequenzverlust zum 15. April blieben gerade einmal zwei Monate. Muths Vorschlag zur Güte: "Denkbar wäre, dass M 94,5 noch zwei Jahre auf UKW bleibt und sich in der Zeit digital umstrukturiert." Bis dahin, so die Hoffnung, hören viel mehr Menschen Radio über DAB+.

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