Von Birthe Bruhns

In München gibt es mehr als 500 Straßenkinder. Hier geht es ihnen zwar besser als anderswo, dennoch fehlt es an Räumen und Betreuungspersonal.

Münchens Straßenkindern geht es im Vergleich zu denen in anderen großen Städten gut. Doch selbst hier mangelt es in Stoßzeiten an Räumlichkeiten und Personal, wie Jugendschutzstellen auf einer gemeinsamen Informationsfahrt in einer Spezialtrambahn kritisierten. Auch die Wartezeiten bei der Weitervermittlung von Jugendlichen sind lang. Viele der jungen Leute entscheiden sich in dieser Zeit gegen den ursprünglich angestrebten Drogenentzug oder nachträglichen Schulabschluss.

Mehr als 500 Jugendliche haben 2007 in der Landeshauptstadt die Straße zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht, glaubt man den Streetworkern von ConAction. (© Foto: dpa)

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Sie treffen sich am Hauptbahnhof, am Stachus und am Sendlinger Tor, und ihre Zahl nimmt zu: Mehr als 500 Jugendliche haben 2007 in der Landeshauptstadt die Straße zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht, glaubt man den Streetworkern von ConAction. Rund 28 waren demnach faktisch obdachlos, schliefen in Parks und Hauseingängen. Die Zahl der Bedürftigen ist im vergangenen Jahr um 16,2 Prozent gestiegen. 190 Betroffene lebten nach Angaben des Jugendamts im August in Kurzzeitunterbringung, 39 wurden in Obhut genommen, also den Eltern entzogen.

"Hier muss niemand auf der Straße leben, wenn er nicht will"

Immer mehr kommen aus zerrütteten Familien mit überforderten Eltern, haben keinen Schulabschluss, Probleme mit Autorität und psychotische Störungen, beobachten die Einrichtungen. Um über die Arbeit mit den Betroffenen zu berichten, trafen sich Münchner Jugendschutzstellen von Stadt und freien Trägern mit dem Bündnis für Straßenkinder in einer Informationstram. Dem Bündnis gehören freie Träger der Jugendsozialarbeit aus ganz Deutschland an.

Die Situation in München ist vergleichsweise gut: "Hier muss niemand auf der Straße leben, wenn er nicht will", sagt Helmut Berger von der Münchner Einrichtung Wohnhilfe e.V, Mitglied des Bündnisses für Straßenkinder. Die Stadt stelle mehr Personal und mehr Geld als andere Städte, und "der politische Wille" für den Einsatz in der Jugendsozialarbeit bestehe, beschreibt der Berliner Jörg Richert von der Jugendschutzstelle Karuna die Lage in der bayerischen Landeshauptstadt. In München betreut ein Mitarbeiter des Jugendamts nach Einschätzung von Berger etwa 60 bis 100 Familien. In Berlin sind es bis zu 70 mehr, sagt Richert. "Ich beneide die Münchner Kollegen", gibt er unumwunden zu.

In der bayerischen Landeshauptstadt muss ein junger Erwachsener bis 21 Jahre nicht vor der Volljährigkeit Leistungen der Jugendsozialarbeit in Anspruch genommen haben, um Hilfe zu bekommen. In vielen anderen Städten hat ein 19-Jjähriger in diesem Fall Pech gehabt. Ihm steht keine Unterstützung zu. Außerdem funktioniert die Netzwerkarbeit der ambulanten und stationären Stellen nach Aussage von Jugendschutzstellen und Streetworkern gut.

"Wir wissen, dass wir Personalbedarf haben"

Während die kurzfristige Unterbringung von Jugendlichen als vorbildlich gilt, hakt es bei der Weitervermittlung der jungen Leute in die passende Einrichtung. Es dauert oft mehrere Wochen, bis die Genehmigung dafür kommt, denn die zuständigen Sozialbürgerhäuser sind überlastet. Das Problem ist dem Jugendamt bekannt: "Wir wissen, dass wir Personalbedarf haben, und arbeiten daran", sagt Jugendamtschefin Maria Kurz-Adam.

Was den Wunsch nach mehr Räumen und Personal in Stoßzeiten angeht, verweist sie auf mehr als 40 im letzten Jahr geschaffene Stellen. In den ersten Monaten des laufenden Jahres waren alle stationären Stellen nach Angaben von Notunterbringungseinrichtungen um rund zehn Prozent überlastet. Sie mussten Schützlinge für einige Nächte behelfsmäßig auf Matratzen in Aufenthaltsräumen unterbringen.

Die Forderung von ConAction, Jugendliche wie in anderen Städten für mehrere Tage anonym unterzubringen, weist Kurz-Adam zurück. Das sei zwar theoretisch möglich, aber der Gesetzgeber schreibe vor, dass die sorgeberechtigten Eltern benachrichtigt werden müssen.

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(SZ vom 13.11.2008/reb)