Straßencafés Der reservierte Siegertyp

Staatstheater, Klein-Ibizia, Utopia: Im Münchner Straßencafé ist jeder Gast ein Schauspieler, jedes Gespräch ein Drama - eine Typologie des Stammpersonals.

Eigentlich beginnt der Münchner Frühling immer dann, wenn das erste Cabrio mit offenem Verdeck über die Leopoldstraße fährt - das ist meist Ende Januar. Was uns also in den kommenden Apriltagen blüht, ist fast schon Frühsommer, Temperaturen um die 22 Grad. Es wird wieder eng im Straßencafé, denn das Stammpersonal sitzt schon längst in der Sonne.

Keine Frage, die Sonnenterrasse des Oskar Maria, des Restaurants im Literaturhaus am Salvatorplatz, ist ein Platz für Siegertypen mit Niveau. Adrette Banker und Finanzjongleure. Boutiquengeschäftsführerinnen aus der Theatinerstraße. Leute mit großen Manufactum-Papiertaschen, die auf dem Weg zu ihrer Schwabinger Dachterrassenwohnung noch schnell einen Schlenker machen, bevor es über die Leo weiter nach Hause geht. Höhere Töchter und Anwalts- oder Zahnarztgattinnen. Neulich war aber sogar auch mal eine richtige Schriftstellerin da: Asta Scheib. Aber die hat draußen auch keinen Platz mehr bekommen und musste drinnen sitzen.

Es ist nämlich so, dass draußen mittags fast alle Tische reserviert sind. Was eigentlich dem Wesen des Straßencafés widerspricht, das ja eher Flanierer dazu verleiten soll, eine Pause einzulegen. Ist hier im Kreuzviertel, unter Bankern und Kanzleibesitzern, nicht so. Hier geht man gezielt hin, mit Geschäftsfreunden oder dem Laptop.

Es gibt hier keine Münchner Strizzis, die einfach so herumstrawanzen, denn Zeit ist Geld. Wer wüsste das besser als jene, die hier arbeiten? Und den Platz im Freien, man muss sich ihn auch leisten können und wollen. Zum Mittagstisch etwa steht die Entenbrust ganz oben auf der urigen, schwarzen Schiefertafel. 19,80 Euro kostet die. Ein Preis, bei dem man getrost annehmen darf, der Koch habe die arme Ente vor der Schlachtung persönlich in den sanften Tod gestreichelt. Da isst man auch als Siegertyp dann doch mit ruhigerem Gewissen Fleisch. Obwohl das gar nicht mehr so in ist.

Text: Franz Kotteder

Bild: Stephan Rumpf

3. April 2011, 10:36 2011-04-03 10:36:02  © SZvom 02.04./03.04.2011/feko