Stellenabbau bei Nokia Siemens Networks "Betriebsrat und IG Metall haben unsere Interessen verraten"

Der Kompromiss ist umstritten: 1600 Mitarbeiter müssen bei Nokia Siemens Networks in München gehen, dafür bleibt der Standort erhalten. Viele Mitarbeiter fühlen sich verraten - zumal die IG Metall einigen Mitgliedern höhere Abfindungen erkämpft hat als anderen.

Von Nina Bovensiepen, Björn Finke und Michael Tibudd

Es ist ein bitterer Satz, den Christine Rosenboom an diesem strahlend-schönen Münchner Frühlingstag ausspricht. "Der Arbeitgeber", beginnt der Satz, "handelt artgerecht, aber der Betriebsrat und die IG Metall haben unsere Interessen verraten."

Vor der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz demonstrierten die Beschäftigten von Nokia Siemens Networks gegen den Stellenabbau.

(Foto: Stephan Rumpf)

Rosenboom hat 27 Jahre für Siemens gearbeitet. Fast ihr ganzes Berufsleben hat die Softwareentwicklerin bei dem Traditionskonzern verbracht, über den früher gerne gespottet wurde, er verströme mehr behördliche Versorgungsmentalität als die Schlagkraft eines Global Players. Als behäbiger Dampfer wurde Siemens bisweilen gescholten. Rosenboom weiß, dass vieles davon nur noch Klischee ist.

Trotzdem kann die 52-Jährige nicht fassen, was ihr in diesen Wochen widerfährt. Sie hat zuletzt beim Netzwerkausrüster Nokia Siemens Networks (NSN) gearbeitet. Den gibt es seit 2007, als Siemens einen Teil seines Telekommunikationsgeschäfts in das Gemeinschaftsunternehmen auslagerte. Die deutsch-finnische Firma, in der Nokia mit knapper Mehrheit den Ton angibt, hat sich nicht gut entwickelt. Daher verfügte das Management schon vor Monaten einen radikalen Umbau samt Stellenabbau.

Rosenboom erfuhr am 4. April, dass sie nicht mehr gebraucht wird. Per Mail. Um 10.54 Uhr platzte die elektronische Post in ihren Arbeitstag. Es gab vorher kein warnendes Gespräch mit Vorgesetzten. Zahlreiche Mitarbeiter, die nie damit gerechnet hätten, dass sie zu den Aussortierten zählen würden, traf die Mitteilung unvorbereitet. "Viele waren fix und fertig, geschockt", sagt Rosenboom.

In der Mail wurde sie aufgefordert, innerhalb weniger Tage zu entscheiden, ob sie bereit sei, zum 1. Mai in eine sogenannte Transfergesellschaft zu wechseln. Eine solche soll nicht mehr benötigte Beschäftigte weiter qualifizieren und in neue Jobs vermitteln. "Sollten Sie sich gegen den Wechsel in die Nokia Siemens Networks Transfergesellschaft mbH entscheiden, sind wir gezwungen, eine entsprechende Kündigung auszusprechen", stand da. "Es fühlt sich an, als ob man nach 27 Jahren mit einem Fußtritt verabschiedet wird", sagt Rosenboom.

So empfinden es viele, die in diesen Tagen NSN verlassen. In Mails an die Betriebsräte und in Internetforen machen sie ihrer Wut Luft. 1600 von 3600 Stellen fallen in München weg. Viele Betroffene empfinden es als zynisch, dass Manager und Arbeitnehmervertreter von einem gelungenen Kompromiss sprechen.

"Nokia Siemens Networks erhält Arbeitsplätze in München", verkündete NSN vor zwei Wochen per Pressemitteilung. "Die überwiegende Mehrheit der von der Restrukturierung betroffenen Mitarbeiter" hätten sich bereit erklärt, in die Transfergesellschaft zu wechseln, hieß es weiter.