Wolfgang Thierse in Gauting Die Globalisierung und ihre Folgen

Im Gespräch: Wolfgang Thierse und Johano Strasser (re.).

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Der frühere Bundestagspräsident spricht beim SPD-Neujahrsempfang über das Einwanderungsland Deutschland

Von Blanche Mamer, Gauting

Mit Wolfgang Thierse, dem Bundestagspräsidenten von 1998 bis 2005, als Gastredner beim Neujahrempfang der Kreis-SPD hat der Gautinger Ortsverein eine ausgezeichnete Wahl getroffen. Mehr als 250 Bürger folgten dem Ruf und drängten in den großen Saal im Bosco. Der Ortsvorsitzende Dieter Appel begrüßte neben Johano Strasser sowie Udo Hahn von der Evangelischen Akademie in Tutzing die Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Bezirksrätin Sigrid Friedl-Lausenmeyer (beide FDP) sowie die Gautinger CSU-Bürgermeisterin Brigitte Kössinger.

Die SPD ist im Aufwind. Wie die rote Fahne mit der schon leicht verblassten goldenen Schrift und der Jahreszahl 1893, die mitten auf der Bühne des Bosco aufgestellt ist und demnächst restauriert wird, steht auch bei der Sozialdemokratie eine Erneuerung an, scherzte Alt-Bürgermeisterin Brigitte Servatius bei der Ehrung langjähriger Mitglieder. Aus Sicht der Kreisvorsitzenden Julia Ney kommt es im Wahljahr 2017 auf jede Stimme an. Die Flüchtlingskrise dürfe nicht dazu benutzt werden, die Schwachen gegen die Schwächeren aufzuhetzen, sagte sie.

Ein Vierteljahrhundert ist es erst her, dass durch eine friedliche Revolution die Mauer gefallen ist, Deutschland wiedervereinigt und der Ost-West-Konflikt überwunden wurde. Und schon wieder erleben wir eine neue, dramatische Wendung der Geschichte. Hunderttausende Flüchtlinge landen in Europa und treffen auf ein verunsichertes, zerstrittenes Europa, beginnt Thierse seine Rede zum Thema "Deutschland als Einwanderungsland".

Die damit verbundenen Veränderungen seien folgenreicher als die der Wiedervereinigung, so Thierse. Die Weltenordnung sei aus den Fugen geraten, Grund sei nicht primär die Flüchtlingskrise, sondern die Folgen der Globalisierung, der wachsenden Ungleichheit, der kriegerischen Auseinandersetzungen und damit unlösbar verbunden: Terrorismus. Wer sich umschaue, stelle fest, dass die alten Gespenster von Nationalismus, Rassismus, Chauvinismus und Sexismus wieder umgehen. Die deutsche Gesellschaft habe zunächst mit viel Empathie auf die Flüchtlinge reagiert, sie willkommen geheißen. Doch es sei eine anstrengende Herausforderung, sich auf die Veränderungen einzulassen, "Vertrautes, Selbstverständliches, soziale Gewohnheiten und kulturelle Traditionen gehen verloren. Auch individuelle Freiheiten werden in Frage gestellt. Entheimatungsängste sind die Folge. Sie mobilisieren Vorurteile, drücken sich in Wut und aggressivem Protest aus", sagt der ehemalige DDR-Bürger Thierse, der in Polen geboren ist und bei Kriegsende als Heimatvertriebener nach Deutschland kam.

Um den Menschen die Ängste gegen Fremde zu nehmen, müssten Probleme ehrlich angesprochen werden. Dazu gehöre, dass man das soziale und kulturelle Konfliktpotenzial ernst nehme. Das heiße, zu begreifen, dass die Flüchtlinge, die bleiben wollen, die Chance dazu bekommen, aber zugleich darauf zu achten, dass die Einheimischen nicht untergehen und sich ihrerseits fremd fühlen. Die Herausforderung bestehe darin, die über Jahrzehnte erkämpften demokratischen Errungenschaften und Freiheiten zu erhalten und den Zuwanderern mit Toleranz und Respekt zu begegnen. "Wenn wir von unserer Kultur sprechen, müssen wir uns klar darüber sein, was wir darunter verstehen. Die islamistischen Terroristen nehmen die europäische Kultur so ernst, dass sie sie bekämpfen", so der Katholik Thierse. Und: Islamkritik bedeute nicht Islamfeindlichkeit.