Wohnungsnot Tutzingerin muss aus Wohnung ausziehen - und wird beinahe obdachlos

Hatte ein Wohnungsproblem, das schwierig zu lösen war: Linde Schulte-Walter aus Tutzing.

(Foto: Nila Thiel)

Linde Schulte-Walter, 74, fand nur mit Glück eine neue Bleibe.

Von Manuela Warkocz, Tutzing

Wie belastend drohende Obdachlosigkeit ist und wie zermürbend die Suche nach einer erschwinglichen Bleibe erlebte die Tutzingerin Linde Schulte-Walter in den vergangenen Monaten am eigenen Leib. Der 74-Jährigen war angst und bange, dass sie bald kein Dach mehr über dem Kopf haben würde. Seit 2011 lebte sie in einer kleinen Mietwohnung in der Waldschmidtstraße. 54,39 Quadratmeter, 675 Euro warm. Nicht gerade auf dem neuesten Stand. Aber sie liebte diese Wohnung, hatte sich vorgestellt, dort bis ans Ende ihrer Tage zu bleiben. Bis der Vermieter vergangenen Oktober per Mail ankündigte, er wolle Heizung und Leitungen modernisieren und überlege überhaupt, das ganze Haus anderweitig zu nutzen.

Wie, war bald klar. Er beantragte bei der Gemeinde zunächst den Umbau und die Erweiterung des zweigeschossigen Gebäudes, später kamen dann Abriss und Neubau eines Mehrfamilienhauses samt Tiefgarage auf den Tisch. Der Bauherr hatte schon unmittelbar hinter dem Haus, in dem Schulte-Walter zu bleiben hoffte, ein altes, von vielen Tutzingern geschätztes Haus abgerissen und einen im Gemeinderat umstrittenen Neubau hingesetzt. Noch unter Bürgermeister Rudolf Krug hatte er angekündigt, dort eine günstige Einliegerwohnung für Einheimische zu offerieren, was allerdings nirgendwo im Rathaus verbrieft ist, wie eine Nachfrage ergab. Tatsächlich unterbreitete der Vermieter der Seniorin das Einlieger-Angebot: Zwei Zimmer, 91 Quadratmeter, Terrasse, Tiefgaragenplatz, in einem Internetimmobilienportal erfuhr sie den Preis, 1420 Euro warm. "Was soll ich mit so einer großen Wohnung? Und zu dem Preis?", fragte sich Schulte-Walter im Winter, als sie sich an die SZ gewandt hatte. Auch wenn keine ausdrückliche Kündigung ausgesprochen worden war, "hat mir der Vermieter, der eigentlich ein ganz netter Mann ist, vermittelt, ich behindere seine Investitionen".

Die alleinstehende, herz- und lungenkranke Frau suchte Rat beim Mieterschutzbund, beim Verband Wohnen, durchforstete täglich das Internet auf der Suche nach Mietangebote in der Umgebung, ließ sich auf die Warteliste der Gemeinde für eine Sozialwohnung setzen - was die frühere Sozialarbeiterin, die in Dossenheim für die SPD im Gemeinderat saß, nie wollte. Auch für eine der 33 Wohnungen in der Bräuhausstraße im Betreuten Wohnen meldete sie sich an. Man verwies sie auf die jahrelangen Wartezeiten. "Aber ich hatte Glück, auch wenn das jetzt komisch klingt, ein Bewohner ist gestorben", erfuhr sie im März. Zum 1. April konnte sie ein modernes, behindertengerechtes Appartement mit 47 Quadratmeter beziehen, für 613 Euro warm. "Ich bin so, so dankbar", sagt sie und strahlt auf "ihrem" Balkon mit Seeblick.