Wir öffnen Türen Weltbürger im "Mausloch"

Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer hält die Erinnerung an die Zeit wach, in der Thomas Mann im Feldafinger Villino am "Zauberberg" schrieb

Von Sabine Bader, Feldafing

Dirk Heißerer ist der gute Geist des Villino; Dirk Heißerer ist: Feldafing Dirk Heißerer im Villino, wo er das Andenken an Thomas Mann pflegt.; Der gute Geist des Villino

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Thomas Mann verkrümelt sich gerne mal aus München, gönnt sich eine Auszeit von Katja und den Kindern, um in aller Ruhe zu schreiben. Dafür fährt er nach Feldafing. Es ist das Jahr 1919. Im Villino, seinem "Mauseloch mit dem Grammophon", wie er es nennt, findet der Schriftsteller alles, was er braucht - Einsamkeit, gute Luft und Seenähe. Das Haus liegt auf einer Anhöhe, ist umgeben von Bäumen. Hier hat Thomas Mann die Muße, um die Arbeit an seinem Roman "Zauberberg", wieder aufzunehmen, der über den Krieg liegen geblieben war.

Jahrzehntelang hat Pech, wer in Feldafing nach Thomas Manns Spuren sucht und das Häuschen besichtigen will, denn ein Schlagbaum hält ihn fern. Man kann es so ausdrücken: Das Villino ist das weltweit einzige Literaturmuseum auf einem Kasernengelände der Bundeswehr. Heute ist das anders. Der Teil des Geländes, auf dem das Villino steht, gehört mittlerweile den Benedictus-Kliniken Tutzing und Feldafing, die dort ein neues Krankenhaus errichten. Über eine Sackstraße (Siemensstraße 25) ist das Villino zugänglich.

Es ist ein Wintertag: Der Literaturwissenschaftler und Autor Dirk Heißerer steht trotzdem hemdsärmelig vor dem Villino und putzt die Fenster: Nickelbrille, Schiebermütze, Weste, Fliege mit bunten Punkten. Er hat das Haus im Jahr 1994 wiederentdeckt. 2001 schafft er es, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wird - wegen seiner kulturhistorischen Bedeutung. Heißerer ist es auch, der Thomas- Mann-Fans die Tür öffnet und seitdem angemeldete Führungen anbietet. Und wen Heißerer führt, der fühlt sich zurückversetzt in die Zeit, in der Thomas Mann an seinem Schreibtisch sitzt, sinniert und schreibt. Dass im Haus selbst so gut wie nichts original ist, stört kaum. Immerhin hat Heißerer den eigens für die Fernsehdoku "Die Manns" entworfenen Schreibtisch aufgetrieben. An ihm sitzt im Film Schauspieler Armin Müller-Stahl, der Thomas Mann spielt. Und heute sitzt dort Heißerer.

Dirk Heißerer ist der gute Geist des Villino; Dirk Heißerer ist: Feldafing Dirk Heißerer im Villino, wo er das Andenken an Thomas Mann pflegt.; Der gute Geist des Villino

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Gehört hat Thomas Mann das 1912 erbaute Villino nie. Er war im Besitz seines Freundes, des Kunsthändlers und Verlegers Georg Martin Richter. Thomas Mann beteiligt sich lediglich mit 10 000 Mark an ihm. Und verbringt hier so manchen Sommer- und Winterurlaub zwischen den Jahren 1919 und 1923. Fast immer ist er allein. Das will er auch. In der Laube hinter dem Haus vollendet er im Mai 1921 den ersten Band des Zauberbergs.

Ach ja, im Villino hört Thomas Mann viel Musik. Und er hört sie laut aus einem Grammophon. Eine Schellackplatte liegt auf dem Plattenteller. "Hier an meinem Herzen treu geborgen" schmettert Opernstar Enrico Caruso durch den Raum. Das tut er auch heute, wenn Heißerer eben diese Schellackplatte auflegt.

Im ersten Stock des Villino ist heute die Thomas-Mann-Bibliothek des Hauses untergebracht. Heißerer hat hier neben vielen Ausgaben auch ein ganzes Regal mit Zauberberg-Übersetzungen: Neben gebräuchlichen Sprachen wie Spanisch, Englisch und Französisch steht da der Zauberberg auf Chinesisch, Norwegisch, Georgisch, Japanisch. Heißerer will so zeigen: Thomas Mann war ein Weltbürger. Und der Literaturwissenschaftler denkt dabei auch an die nahegelegene Villa Waldberta mit ihren internationalen Stipendiaten und Gästen. "Wenn wir dann im Villino Besucher aus China haben, zeige ich ihnen den chinesischen Zauberberg und lasse sie darin blättern", freut sich Heißerer.

300 bis 400 Besucher führt der rührige Literaturwissenschaftler im Jahr durchs Villino. Er hofft darauf, dass es mehr werden, wenn die Klinik auf dem Gelände erst in Betrieb ist. Im ersten Halbjahr 2019 soll dies laut dem Geschäftsführer der Benedictus-Krankenhäuser Tutzing und Feldafing, Simon Machnik, der Fall sein. Klinik und Museum auf einem Grundstück, das ist für ihn eine Win-win-Situation. Und weil man sich dem kulturellen Erbe verpflichtet fühlt, wird der Klinik-Park im Westen auch Thomas-Mann-Park heißen.

Heißerer marschiert weiter durchs Haus. Draußen schneit es dicke Flocken. "Wie schön", frohlockt er, "Winter im Villino."

Vom Sommerhaus zum Literaturmuseum

Um 1910 entsteht auf dem Höhenberg in Feldafing eine Villenkolonie.

1912 wird dort das Villino als Sommerhaus für den Kaufmann Wilhelm Enders erbaut. 1919 kauft Georg Martin Richter das Haus für 48 000 Euro.

1934 bis 1945 errichten die Nationalsozialisten die "NS-Deutsche Oberschule Starnberger See" in Häusern der Villenkolonie.

1938 werden die "Sturmblockhäuser" erbaut - unter anderem von KZ-Häftlingen aus Dachau. Das Villino ist in dieser Zeit eine Hausmeisterwohnung.

1945 bis 1953 dient das Gelände mit seinen Bauten als Flüchtlingsunterkunft für überwiegend jüdische Displaced Persons (DP).

1956 übernimmt die Bundeswehr das Gelände. Es entsteht die Fernmeldeschule des Heeres.

2012 erwirbt das Benedictus Krankenhaus Feldafing den Nordteil des Geländes samt Villino. bad

Führungen an jedem dritten Sonntag im Monat, 14 bis 16 Uhr, und nach Vereinbarung. Villino-Konzert, 21. Januar, 16 Uhr: Hans Castorps Vorzugsplatten - Grammophonmusik im Zauberberg. Villino-Gespräch, 18. Februar, 16 Uhr: Russische Anthologie - ein Geleitwort aus dem Villino. Villino-Lesung, 25. März, 16 Uhr: Der Zauberberg in Feldafing - Romanpartien, die im Villino entstanden. Anmeldung unter 089/89999320 oder info@tmfm.de. Der Eintritt ist frei.