Literatur "Mundart klingt und swingt besser"

"Bairisches Verskabarett" nennt der Weßlinger Lyriker Anton G. Leitner im Untertitel seinen neuen Gedichtband.

(Foto: Georgine Treybal)

"Schnablgwax" heißt der neue Gedichtband von Anton G. Leitner, der Anfang dieser Woche erschienen ist. Darin überrascht der Weßlinger mit bairischen Gedichten seine Leser

Interview von Wolfgang Prochaska, Weßling

Es ist sein bislang umfangreichstes lyrisches Werk, das der Weßlinger Schriftsteller und Verleger Anton G. Leitner veröffentlicht hat: sein "Schnablgwax". Er nennt den Mundartband ein "bairisches Verskabarett", was insofern richtig ist, da der 54-Jährige auch humoristische Formen als Mittel seiner Dichtung benutzt. Mit "Schnablgwax" öffnet Leitner eine neue Tür seines dichterischen Schaffens. Die SZ sprach mit dem Weßlinger über sein neues Buch, über seine plötzliche Liebe zur Mundart und seine Erfahrungen mit Crowdfunding.

SZ: Herr Leitner, Ihr neues Werk besteht aus Mundartgedichten. Heißt das, dass Sie, der Sie doch eher bekannt dafür sind, durch Sprachspielereien neue Sinnzusammenhänge herzustellen, konservativ geworden sind?

Anton G. Leitner: Das hat mit konservativ nichts zu tun. Die Mundart macht es möglich, so zu schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Das finde ich sehr reizvoll, und es klingt und swingt besser. Es braucht dazu ein gewisses Alter, so reden zu können. Mundart, das ist meine Erfahrung und ich bin viel unterwegs, wird wie Bairisch nicht ernst genommen. Aber je älter man wird, um so weniger Rücksicht muss man auf solche Meinungen nehmen.

Mundart ist allerdings räumlich sehr beschränkt. Stört Sie das nicht?

Es gibt bei meinen Gedichten jeweils eine hochdeutsche Version. Zwar ist mancher Mundartdichter wie Bernhard Setzwein aus dem Bayerischen Wald der Überzeugung, dass Mundart überall verstanden wird, aber meine Erfahrung ist es nicht. Ich habe einige Gedichte aus Schnablgwax in Norddeutschland im dortigen Geburtshaus des niederdeutschen Dichters Klaus Groth gelesen. Ohne hochdeutsche Übersetzung hätte man kaum etwas verstanden.

Das Regionale liegt ja im Trend. Ob Lebensmittel aus der Region oder regionale Krimis. Das scheint bei Ihnen auch der Fall zu sein.

Es ist schon eine Besinnung auf die eigenen Wurzeln. Den Clip für das Buch haben wir am Weßlinger See gedreht. Da war ich ganz froh, dass es diese Umgebung ist. Aber die Intention war dennoch, da ich lange an der hochdeutschen Fassung der 34 Gedichte gearbeitet habe, zweigleisig zu fahren. Es sind Gedichte, die zum Großteil im Fünfseenland und in München spielen. Der regionale Bezug ist schon da.

Wann hatten Sie die erste Idee zu Ihrem doch sehr umfangreichen und aufwendigen Projekt?

Der Lichtung Verlag in Viechtach hat den Anstoß gegeben. Der damalige Verleger Hubert Ettl plante eine Anthologie von Mundartgedichten. Er hat mir angeboten, auch ein Gedicht beizusteuern. Ich hatte aber nichts wirklich Gutes in der Schublade, wollte aber unbedingt mitmachen. Da habe ich drei Gedichte geschrieben, und das hat so viel Spaß gemacht, dass mehr daraus geworden ist. Durch den Bayerischen Poetentaler, der mir im vergangenen Herbst verliehen wurde, wollte ich eine größere Auswahl an bairischen Gedichten haben. Daraus ist das große Projekt gewachsen, an dem ich vier Jahre lang gearbeitet habe.

Wie arbeiten Sie eigentlich?

Ich trage immer einen kleinen Block bei mir und notiere mir Ideen oder Beobachtungen, manchmal sind es auch zwei, drei Zeilen. Ich habe einen ganzen Stoß an Blöcken. Immer wenn ich schreibe, schaue ich sie mir nach Ideen und Eindrücken durch. Daraus entwickeln sich meine Gedichte. Ein weiteres Hilfsmittel ist mein Smartphone, mit dem ich viel fotografiere. Diesen Tipp habe ich auch meinen Studenten an der Uni gegeben, als ich einen Kurs für kreatives Schreiben leitete. Gemeinsam haben wir die Eindrücke, die wir im Englischen Garten gesammelt haben, diskutiert, was schließlich in Gedichte mündete.

Die zweisprachige Ausgabe - also Bairisch und Hochdeutsch - ist aber nicht unproblematisch. Es gibt im Bairischen ja Idiome, die fürs Hochdeutsche nicht übersetzbar sind.

Es gibt noch viel schwierigere Probleme: zum Beispiel eine einheitliche Aussprache des Bairischen.

Diese gibt es aber nicht. Die mundartliche Aussprache verändert sich schon von Dorf zu Dorf, selbst in einem so kleinen Bereich wie Weßling und Umgebung.

Ich habe mir deshalb eine Lektorin gesucht, die aus Bayern, aus Gaißach kommt. Wir haben uns nach meiner Aussprache orientiert und einen elektronischen Wortschatz angelegt, um ein sprachlich einheitliches Bild zu schaffen. Das hatte zur Folge, dass ich ihr die Gedichte mehrmals vorlesen musste. Wir gingen dafür in ein Tonstudio. Beim Druck des Buches waren dennoch elf Korrekturläufe notwendig, üblich sind zwei oder drei. Das zeigt den Aufwand, den wir betrieben haben, und wie viele Fehler möglich sind.

Sie haben Ihr literarisches Projekt per Crowdfunding, also mit Spenden finanziert.

Ja, weil der Verlag Lichtung und mein Verlag es nicht allein stemmen konnten. Allein das Lektorat kostete 3000 Euro. Um diese Summe hereinzubekommen, müsste ich mein Buch 10 000 Mal verkaufen. Durch Crowdfunding konnten wir mein Projekt auch Multimedia produzieren, mit Filmclip, mit QR-Code und Fotos.

Kein Leitner-Projekt ohne einen Coup. Wie kam es dazu, dass Sie im Juli im Dienstzimmer des Starnberger Landrats Karl Roth eine öffentliche Lesung geben dürfen?

Landrat Karl Roth hat beim Crowdfunding mitgemacht, und die höchste Stufe der finanziellen Beteiligung hieß, dass ich im Gegenzug eine Wohnzimmer-Lesung geben werde. Seine Bedingung ist aber, dass es eine öffentliche Lesung sein soll, mit 30 oder 40 Besuchern. Meine Gedichte sind ja zum Teil sehr deftig, mein Vorbild ist Georg Queri, der mit seinem Wörterbuch der Bauernerotik "Kraftbayrisch" den Leuten aufs Maul geschaut hat. Ich glaube, das hat dem Starnberger Landrat bei meinen Gedichten gefallen.