Tutzing Versöhnender Schönklang

Nicht nur numerisch ein starkes Ensemble: Drei Chöre kooperierten in der Tutzinger St. Joseph-Kirche.

(Foto: Nila Thiel)

Festivalchor überzeugt beim Deutschen Requiem zum Finale der Brahmstage

Von Reinhard Palmer, Tutzing

Das 20-jährige Jubiläum der Brahmstage im vor 150 Jahren entstandenen "Ein deutsches Requiem" kulminieren zu lassen, ist nicht nur ein würdiger Abschluss und eine Erinnerung an die Erstausgabe des Festivals gewesen. Mit der Vertonung von Texten der Luther-Bibel zwei Tage vor dem 500. Jahrestag der Reformation, bekam die Aufführung im voll besetzten Kirchenschiff von St. Joseph auch einen erweiterten Kontext.

Brahms Werk ist dem Trost der Hinterbliebenen gewidmet und eine Versöhnung mit der Vergänglichkeit, trotz der allgegenwärtigen Angst vor dem Tod. Mit den Worten "Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss" bedachte der Komponist die Protagonisten mit einem straffen Auf und Ab. Der Brahms-Festivalchor - eine Kooperation der Chöre Ars musica Ottobrunn, St. Pius Pöcking und St. Joseph Tutzing - konnte in solchen Momenten seine zahlenmäßige Kraft entfalten, ohne unschön Lautstärke bemühen zu müssen. Von Norbert Groh eingewiesen und am Pult von Helene von Rechenberg mit Sinn für Atmosphäre geführt, vermochte der Chor seinen Part plastisch im präzisen Duktus zu formen. Schon der Einstieg "Selig sind, die das Leid tragen" beeindruckte mit weitem Atem und viel Raum für die Entwicklung im Text zu strahlend-blühenden "Freuden". Dieses feinsinnige Changieren machte die besondere, an Aussagen orientierte Qualität der Aufführung aus. Selige Schönheit ergoss sich denn auch im "Wie lieblich sind deine Wohnungen" in ergreifender Breite. Schließlich bedachte von Rechenbergs Ausformung das finale "Selig sind die Toten" mit einer strahlend wogenden Inszenierung.

Anders ist "Denn alles Fleisch es ist wie Gras" geartet: dramatisch intensiviert und mit breitem Pathos sehr gewichtig. Von Rechenberg zog den Satz extrem in die Länge. Das Tempo geriet dabei leider allzu schleppend und die Aussagen im Kontext dadurch allzu gewaltig. Immerhin gelang es den Ensembles, die innere Spannung gegen die aufgesetzte Dramatik zu verteidigen. Zudem war das Philharmonische Orchester Stringendo mit Esther Schöpf am ersten Pult in seiner kammermusikalischen Schlankheit verhalten genug, diesen Satz mit Pathos nicht zu überladen. Dennoch vermochten die Instrumentalisten auch reichlich Substanz zu entwickeln, um Höhepunkte wie etwa im hymnisch gesteigerten Schlusssatz "Aber des Herren Wort bleibet in Ewigkeit" herauszuarbeiten.

Einzigartige Erlebnisse bescherten die solistischen Einsätze. Bariton Franz Hawlata steuerte mit seinem warmen, lyrischen Timbre weitere emotionale Höhepunkte bei. Sopranistin Felicitas Fuchs fiel im Requiem vor allem eine versöhnliche Schönheit zu, die sie mit "Ihr habt nun Traurigkeit" im glasklaren, lyrisch fließenden Duktus blühen ließ. Einfühlsam changierte die Farbigkeit im Dialog der Solistin mit dem atmosphärisch ansprechenden Chor. Insgesamt blieb dieser tröstende Satz berührend leicht und luftig. Dem Bariton schrieb Brahms die dramatischere Rolle zu: Ängste und Zweifel klangen denn auch im ersten Einsatz an, kulminierend im hingebungsvollen "Nun Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich". Die Frage wird strahlend vom Chor zugunsten der "gerechten Seelen" beantwortet: "Keine Qual rühret sie an". Bei "Denn wir haben hie keine bleibende Statt" setzte von Rechenberg auf Ambivalenz zwischen angespanntem Pochen der Begleitung und Hawlatas gelöster Melodik der Verheißung ewigen Lebens. "Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?" formte Hawlata als Quintessenz des Werkes, gefolgt von einer Lobpreisung des Herren als Siegeshymne. Der Schlusssatz "Selig sind die Toten" blieb ganz im Sinne von Brahms neutestamentarischer Offenbarung und so verhalten wie geheimnisvoll in den Rücknahmen, doch mit einem atmosphärisch schönen "Selig" pointiert. Das Publikum dankte mit frenetischem Applaus und Standing Ovations.