Tutzing Kerzen gegen Fremdenfeindlichkeit

Ein Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung haben die Tutzinger gesetzt. Mehr als 300 Kinder und Erwachsene bildeten eine Lichterkette.

(Foto: Georgine Treybal)

Mit einer Lichterkette ums Rathaus demonstrieren mehr als 300 Tutzinger zum zweiten Mal für Solidarität und Integration. Akademiedirektor Udo Hahn zollt der politischen und den kirchlichen Gemeinden Respekt

Von Manuela Warkocz, Tutzing

Bei der Premiere von "Tutzing setzt ein Zeichen!" im vergangenen Jahr lagen ein halber Meter Schnee und die Temperaturen unter Null. Diesen Montag zeigte sich das Klima freundlicher, die politische Landschaft hingegen rauer. Das veranlasste mehr als 300 Tutzinger, sich der einstündigen Aktion vor der katholischen Pfarrkirche St. Joseph und der anschließenden Lichterkette rund um Rathaus und evangelische Christuskirche anzuschließen. So wie das Tutzinger Ehepaar Stefan und Sabine Herrlich. "Wir wollen hier ein Zeichen setzen in einer immer chaotischer werdenden Diskussion, ein Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit", sagt Stefan Herrlich, der es vergangenes Jahr wegen einer Dienstreise nicht zur Kundgebung geschafft hatte.

Viele Gemeinderäte waren unter den Teilnehmern, junge Eltern mit Kleinkindern im Kinderwagen und eine Gruppe Ministranten. Die Jugendlichen entrollten ein Transparent "Tutzing ist bunt". Frauen vom Asylhelferkreis plauderten mit Schützlingen aus der Zeltunterkunft vom Volksfestplatz. Vier Flüchtlinge stellte Pfarrer Peter Brummer "stellvertretend für alle, die an unserem südlichen Ortsrand Zuflucht und Sicherheit gefunden haben" persönlich vor. Darunter sind zwei Jesiden, die seit drei Wochen im Kirchenasyl der Tutzinger Gemeinde leben. Der 24-jährige Attar aus Afghanistan berichtete den Versammelten auf Deutsch, dass seine Mutter in der Heimat eine Menschenrechtsorganisation leitet, die Familie daher bedroht ist. In Deutschland wolle er nun studieren "und hier mit meiner Familie dienen".

Pfarrer Brummer appellierte, in diesen Zeiten "Licht zu sein, Mensch zu sein", sich gegen Diskriminierung, Diffamierung und Wegschauen und für Solidarität und Integration einzusetzen. Der Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing, Udo Hahn, zollte den Pfarrgemeinden, der politischen Gemeinde und dem großen Helferkreis Respekt für ihren Einsatz. Er sei dankbar, an einem Ort zu leben, in dem Bürger Verantwortung übernehmen. Die Flüchtlinge verdeutlichten, dass die Auswirkungen von Krieg, Hunger und Elend jetzt auch hier zu spüren seien. "Wir sind aufgefordert, unseren Teil beizutragen, damit die Welt nicht vollends aus den Fugen gerät." Der Chor "Blue Notes" mit Waltraud Brod und die St. Josephs-Bläser setzten musikalische Zeichen. Dann formierte sich die eindrucksvolle, beinahe lückenlose Lichterkette rund um den Tutzinger Ortsmittelpunkt. Die Menschen halten auf den von der Polizei abgesperrten Straßen stumm Kerzen und Laternen, während zehn Minuten lang die Kirchenglocken von St. Joseph läuten. Vor dem Rathaus ergriffen die Schülersprecher des Tutzinger Gymnasiums bei der Schlusskundgebung das Wort. Vincent Ackermann schilderte, dass "200 Menschen in Not 2015 zu uns gekommen sind". Die Gymnasiasten unterstützten sie mit Deutschunterricht und riefen zur Arbeit "an einem friedlichen, toleranten Miteinander" auf. Mahnende Worte richtete Bürgermeister Rudolf Krug (ÖDP) an Politiker aller Couleur: "Wir wollen keine Hysterie und Politiker, die im Trüben fischen wegen anstehender Landtagswahlen." Wie solle man Flüchtlinge auf christliche Werte einschwören, wenn man sie nicht selbst vorlebe, gab er zu bedenken. Zuletzt wandte er sich an alle Tutzinger, "die sagen, wir schaffen das nicht und ängstlich zu Hause sitzen". Sie sollten auf die Flüchtlinge zugehen und sie kennenlernen. Genau das war nach jüdischen und muslimischen Friedensgebeten zum Abschluss der Aktion im Roncallihaus möglich: Bei wärmendem Tee und Rotwein konnte man beispielsweise erfahren, wie die beiden Jesiden aus dem Irak ihre Flucht aus dem Irak bewerkstelligt haben - wochenlang überwiegend zu Fuß.