Tutzinger Brahmstage Experimente mit Rauschebart

Gastierte schon 2006 bei den Tutzinger Brahmstagen: der Pianist Florian Uhlig, der derzeit das gesamte Klavierwerk von Schumann einspielt.

(Foto: Georgine Treybal)

Die 18. Tutzinger Brahmstage setzen neben dem schon traditionellen Jazz-Abend in der Schulaula erstmals auf eine Kooperation mit dem Literarischen Herbst

Von Gerhard Summer, Tutzing

Manchmal erinnern sich die Stadtväter an ihre großen Söhne erst, wenn es schon zu spät ist, dann aber um so eifriger. Salzburg hofiert Mozart längst so sehr, als hätte der einstige Erzbischof der Stadt das Genie nie wie einen Lakaien behandelt. Hamburg ist heute natürlich zu Recht stolz auf Brahms, dabei ließ die Hansestadt den damals schon berühmten Komponisten gleich zweimal hintereinander abblitzen, als es um die Leitung der Philharmonie ging. Und George Bizet? Verkannt von allen. Seine "Carmen" fiel bei der Uraufführung am 3. März 1875 in der Pariser Opéra Comique durch, drei Monate später starb der 36-Jährige.

Das kleine Tutzing am Starnberger See muss sich in diesem Fall rein gar nichts vorwerfen, eher schon ist erstaunlich, dass die Seegemeinde den rauschebärtigen Johannes Brahms so hoch hält, als wäre er einer der Ihren. Dabei hatte der Komponist 1873 lediglich einen Sommer in Tutzing verbracht, allerdings einen langen und offenbar glücklichen. Für die wundersame Ehrerbietung gibt es freilich gute Gründe: Sie beruht auf Gegenseitigkeit, und sie kann sich darauf berufen, dass bei dieser Sommerfrische auch wirklich was raus kaum. Brahms, der Naturliebhaber, der gern ausgedehnte Spaziergänge unternahm, muss nämlich zum einen sehr angetan gewesen sein von diesem ehemaligen Fischerdorf. Die Postkarte jedenfalls, die er an seinen Freund schrieb, den Dirigenten Hermann Levi, liest sich wie eine Huldigung an den Ort: "Tutzing ist weit schöner, als wir uns neulich vorstellen konnten. . .man sieht sich nicht satt". Vor allem aber: Brahms schuf oder komplettierte in diesem Sommer Werke, die Bedeutung haben in seinem Œuvre. Vorneweg die Haydn-Variationen op. 56, außerdem die in Tutzing vollendeten Streichquartette c-Moll und a-Moll op. 51 sowie die Lieder und Gesänge op.59, die das Wagner-Sängerehepaar Therese und Heinrich Vogl auch gleich an Ort und Stelle aufführte, nämlich im Musikpavillon in der Nähe des Dampferstegs.

Die erste Konzertreihe, die an den Sommerfrischler erinnerte, hatte die damals berühmte und heute wegen ihre Nähe zum Nationalsozialismus stark umstrittene Pianistin Elly Ney (1882 bis 1968) im Jahr 1958 begründet, also achteinhalb Jahrzehnte nach Brahms' Sommerurlaub: die Tutzinger Musiktage. Es dauerte dann noch einmal 39 Jahre, bis im Oktober 1997 die ersten Brahmstage unter der künstlerischen Leitung von Christian Lange über die Bühne gingen. Inzwischen gilt der Konzertzyklus als Ausnahmeerscheinung unter den Festivals. Das hat zum einen damit zu tun, dass Lange und sein Team bei der Auswahl ihrer Künstler auf die Kombination setzten: Es gelingt ihnen immer wieder exzellente Musiker wie Franz Hawlata, Christian Gerhaher, Michael Volle,, Florian Uhlig und das Henschel-Quartett an den Starnberger See zu holen. Genauso kommen Nachwuchsmusiker zum Zug, die auf dem Sprung zu einer großen Karriere sind, Roman Gerber zum Beispiel und Juan Pérez Floristán.

Zum anderen versteht sich Lange keineswegs als Gralshüter der Klassik. Weshalb auch eine spannende Konfrontation auf dem Spielplan steht: Romantik trifft auf Blue notes. Bei den "Brahms meets Jazz" -Konzerten geht es nicht nur um bloße Gegenüberstellung, sondern darum zu zeigen, wie Brahms womöglich im Jahr 2015 klingen würde. Die Themen des Hanseaten bilden in diesem Fall die Vorlage für Improvisationen, die am Ende wieder zu ihrem Ursprung zurückkehren. Bei den 18. Brahmstagen von 11. bis 25. Oktober sind für diese Transformation das Jazz-Quartet Max Grosch und das Diogenes Quartett zuständig (Freitag, 16. Oktober, 20 Uhr, Aula des Gymnasiums Tutzing).

Ohnehin gibt sich die Konzertreihe heuer experimentierfreudig. Zum Programm gehört ein Brahms-Spaziergang auf der Tutzinger Brahmspromenade, angeführt von Elisabeth Carr, der Erfinderin der "KunstRäume", und dem Schriftsteller Gerd Holzheimer (Sonntag, 25. Oktober, 11 Uhr, Treffpunkt am Portal der Evangelischen Akademie). Wenn diese Kooperation mit dem "Literarischen Herbst" so launig und abgedreht ausfallen sollte wie der Auftakt zu der Lesungsreihe vor einer Woche im Bayerischen Hof in Starnberg, hätte die Tutzinger Reihe ein neues Glanzlicht.

Was die Konzerte betrifft, so stehen eine Soiree mit Duetten, Klaviermusik und Liedern von Schubert und Brahms an (Sonntag, 11. Oktober, 18 Uhr, Evangelische Akademie) und ein Klavierrecital von Florian Uhlig, den der Spiegel bereits in einem Atemzug mit Daniil Trifonov nennt. Uhlig nimmt sich Werke von Schumann vor (unter anderem Nachtstücke op.23 und Kreisleriana op. 16), von Brahms (Variationen über ein Thema von Schumann op.9) und Ravel ("Gaspard de la nuit"). Der Termin: Sonntag, 18. Oktober, 18, ebenfalls im alten Tutzinger Schloss.

Ein Galeriekonzert mit den jungen Künstlern Tobias Berndt (Bariton) und Pauliina Tukiainen (Klavier), die sich auf Brahms-Lieder konzentrieren, und ein Kammermusikabend in der Evangelischen Akademie mit Susanne Kelling (Mezzosopran) und dem Henschel Quartett beschließen den Reigen. Das Programm des Schlusskonzerts am 25. Oktober, 18 Uhr: Musik von Hugo Wolf, Ottorino Respighi und natürlich von Brahms.