Tutzing Emotionale Berg-und Talfahrt

Vom lyrischen Sinnieren bis zum dramatischen Donner: Herbert Schuch demonstriert am Flügel der Akademie alle Ausdrucksmöglichkeiten.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Zum Auftakt der 19. Brahmstage verblüfft Herbert Schuch mit einer Fülle pianistischer Finessen. Sein tiefgründiger Stil und die eigenwillige Programmgestaltung ernten in Tutzing frenetischen Beifall

Von Reinhard Palmer, Tutzing

Die Verleihung des Wilhelm-Hausenstein-Kulturpreises und ein ausverkauftes Eröffnungskonzert im Konzertsaal der Evangelischen Akademie: Fulminanter konnten die Tutzinger Brahmstage wohl kaum in die 19. Runde starten. Zumal ein Protagonist auf der Bühne saß, der gewiss derzeit zu den interessantesten Erscheinungen unter den internationalen Spitzenpianisten gehört. Und damit ist nicht nur der eigenwillige, tiefgründige interpretatorische Stil Herbert Schuchs gemeint, sondern auch seine anspruchsvolle Programmgestaltung, die sich selten mit nahe liegenden Kontexten begnügt.

Selbstverständlich musste am Anfang des Eröffnungskonzerts ein Werk von Brahms auf dem Programm stehen. Aber Schuch reizte nicht der reife, gewichtig formende Komponist - sondern vielmehr der geniale 21-Jährige, der am Mythos Beethovens wuchs und Bach-Werke sorgsam studierte. Sozusagen das Fundament dessen, was Brahms schon bald zu einem mächtigen Bauwerk modellieren sollte. "Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten", schrieb Robert Schumann über den jungen Brahms, der sich mit dieser poetischen Anerkennung anschickte, die Lehrjahre hinter sich zu lassen.

Ein Jahr später entstanden die Vier Balladen op. 10, die mit ihrem literarischen Stoff auf die Frühzeit verweisen, mit ihnen bekannte sich Brahms zum nordischen Kulturkreis. Die schottische Ballade "Edward" nach Carl Loewes Vertonung, die Johann Gottfried Herder in "Stimmen der Völker in Liedern" in Textfassung veröffentlichte, stand hier Pate für den Beginn des schwer greifbaren Zyklus. Die dramatische Erzählung vom Vatermörder, dem die Mutter allmählich ein Geständnis entlockt, griff Schuch mit allen ihren changierenden, bisweilen schroff wechselnden Stimmungen auf. Und doch blieben sei im Vergleich zu späteren Diabelli-Variationen op. 120 von Beethoven noch in angemessen zurückhaltenden Ausprägungen. Mit elegischer Grundstimmung blieb Schuch zunächst hinter dem mystischen Schleier, der sich vor den Geheimnissen nur zögerlich zurückzog. Das Offenbarte aber inszenierte er voller Spannung und verzauberte durchaus mit innigen Gesängen und empfindsamer Poesie. Im Intermezzo hielt sich Schuch jedoch in der Schroffheit und den fahrigen Läufen nicht zurück, um einen enormen Raum fürs abschließende Finale zu öffnen, das aber keinesfalls ein triumphales wurde. Brahms blieb in den Balladen verhalten bis zum Schluss, zudem konnte die Atmosphäre nahtlos ins Sakrale gleiten - wie in den anschließenden Bach-Bearbeitungen von Ferruccio Busoni (zwei Choralvorspiele) und Harold Bauer (Arie). Ein typischer Kontext Schuchs, der - ohne Zwischenapplaus - der ersten Konzerthälfte eine tief beseelte Heiligkeit verlieh.

Die Ausprägungen, die er zuvor im Feinsinnigen vorgestellt hatte, fanden sich auch in Beethovens Diabelli-Variationen wieder, waren jedoch nun stärker ausgebildet. Die Vorstellung des Themas überzeichnete Schuch expressiv, auch im humoristischen Sinne, denn schließlich war Beethoven die polternde Einfältigkeit von Diabellis Erfindung nicht entgangen. Was Beethoven daraus machte, nahm Schuch als Herausforderung an, um alle Register pianistischer Finessen zu ziehen, und dennoch die Einheit des Werkes nicht aufzubrechen. Stark von einer emotionalen Berg- und Talfahrt bestimmt, ging es hier mit zartem Leggiero, in Stein gemeißelten Akkorden, lyrischem Sinnieren, dramatischem Donner, üppiger Konzertanz, rasantem Wirbeln, sakraler Feierlichkeit, aber auch hymnisch, narrativ, liedhaft oder mystisch auf eine abenteuerliche Reise. Und die beeindruckte das Publikum zutiefst. Mit "La vallée des cloches" (Das Tal der Glocken) aus dem Zyklus "Miroirs" (Spiegel) von Ravel griff Schuch nach lang anhaltendem frenetischen Applaus abschließend tief in den impressionistischen Klang-Farbkasten.