Tutzing Die Nacht der Lieder

Beim Kulturspekatakel in Tutzing dominieren Musik und Gesang. Unkonventionelle Aktionen wie der Auftritt des Hausmeisters in der Grundschule begeistern die Zuhörer. Und die Pfarrerin spielt einen Song über Flüchtlinge

Von Manuela Warkocz und Ute Pröttel, Tutzing

Lieder von Edith Piaf und das bekannte "Oh, Champs-Élysseés" - den Auftakt der zwölften Kulturnacht unter dem Motto "Rendezvous mit Kultur" gestalteten 35 Musikerinnen und Musiker aus der französischen Partnergemeinde Bagèneres-de Bigorre wirklich mitreißend. Die Bigband "Harmonie Bagnèraise" mit ihrem Akkordeon spielenden Dirigenten Didier Medaillon stimmte in der Aula der Benedictus-Realschule knapp 200 Zuhörer aufs Beste auf den Abend ein. Kulturreferentin Brigitte Grande wippte vergnügt mit. Und auf der Empore der blau-weiß-rot geschmückten Aula klatschten viele Schüler im Takt. Das Konzert war zugleich der Beginn der Feierlichkeiten, mit denen am Wochenende das 40-jährige Bestehen der Partnerschaft zwischen den beiden Orten begangen wurde.

65 Gäste hat der französische Bürgermeister Jean-Bernard Sempastous zum Jubiläum aus dem südfranzösischen Ort mitgebracht. Die meisten waren etwa 24 Stunden lang die weite Strecke aus Südfrankreich mit dem Bus angereist, nur einige kamen mit dem Flieger. Tutzings Bürgermeister Rudolf Krug begrüßte Franzosen und Einheimische am Seeufer vor der Schule. Das Wetter spielte zum Empfang am frühen Abend mit. Der Rathauschef richtete seine Ansprache auch in kernigem Französisch an die Besucher. Schulfranzösisch? Auch, sagt er lachend, aber er habe mal mehrere Jahre in Luxemburg gearbeitet. Das macht Gespräche mit seinem französischen Amtskollegen leicht. Für Maire Sempastous war es der erste Besuch in offizieller Funktion: Der 51-Jährige ist wie Krug erst seit Frühjahr 2014 als Bürgermeister im Amt. Das alljährliche Zusammentreffen - mal am Starnberger See, mal am Fuß der Pyrenäen - findet er in diesen Zeiten besonders für junge Leute wichtig. Neben örtlichen Vereinen beteiligen sich Gymnasium und Realschule am Schüleraustausch.

Der Austauschlehrer Otto Feldhüter hatte 1974 den Anstoß zur Partnerschaft gegeben. Französische Veteranen hatten um Kontakte nach Deutschland gebeten. 1975 unterzeichneten dann der frühere Tutzinger Bürgermeister Alfred Leclaire und André de Boysson ein entsprechendes Dokument. Seitdem erfüllt ein Freundeskreis, der auch Kontakte zu einer ungarischen Gemeinde unterhält, die Partnerschaft mit Leben. Erst vergangene Woche wählte der Kreis erneut seine langjährige Vorsitzende Stefanie von Winning wieder, ihr stehen weiterhin Toni Aigner und Annegret Schorn zur Seite sowie Kassier Jochen Günther, Schriftführerin Rita Niedermaier und Beisitzerin Lieselotte Garke. Gemeinsam mit vielen Tutzinger Familien, die Gäste daheim willkommen hießen, organisierte der Freundeskreis am Wochenende ein umfangreiches Ausflugsprogramm.

Für Krug endet die Kulturnacht im Jugendtreff an der Greinwaldstrasse. Kurz vor Mitternacht wurde es hier so voll, wie es den ganzen Abend nicht gewesen war. Anlass war ein Event, das nicht auf dem umfangreichen Programm verzeichnet war: der Geburtstag des Bürgermeisters. Die Jugend gratulierte mit einem lauten Rap, Pfarrer, Gemeinderäte und Kulturschaffende mit einem konventionell gesungenen Geburtstagsständchen. Gesungen wurde überhaupt viel auf der zwölften Tutzinger Kulturnacht. "Klar, es fehlt mehr Theater oder Kabarett", sagte Kulturreferentin Brigitte Grande. Doch in erster Linie will die Kulturnacht ein Forum für Kulturschaffende vor Ort sein und das Miteinander fördern. Und dieses Konzept ist am Freitagabend voll aufgegangen. Gegen 19 Uhr war im Ortszentrum kein Parkplatz mehr zu bekommen. Auch sämtliche Tutzinger Schulen beteiligten sich am Programm. Das Kindermusical "Max und Moritz" im Roncallihaus musste kurzfristig abgesagt werden, da die teilnehmenden Schüler schlicht nicht auf zwei Veranstaltungen gleichzeitig sein konnten. Für Furore sorgte in der Grundschule der Auftritt von Hausmeister Gerhard Lacherbauer mit seiner Frau und dem aus Italien stammenden Putzmann der Schule. Sein "O sole mio" löste Begeisterungsstürme aus. Anne Benzenberg von der Galerie am Rathaus hatte ihren Bechstein-Flügel für spontane Kurzkonzerte zur Verfügung gestellt und erzählte beim Ausklang des Abends in den Räumen des Jugendtreffs von zwei Damen, die die Gunst der Stunde nutzen, um auf dem wundervollen Instrument vierhändig zu spielen. "Das müssen wir unbedingt noch einmal wiederholen", schwärmte die Galeristin.

Rudolf Krug hatte es immerhin auf sieben von insgesamt dreiundzwanzig Veranstaltungen der Kulturnacht geschafft. Neben dem Konzert der Freunde aus Frankreich war sein persönliches Highlight ein Song von Pfarrerin Ulrike Wilhelm zur aktuellen Flüchtlingssituation. "Da hat sie mir so richtig aus dem Herzen gesprochen." Das Lied war so neu, dass Wilhelms Band Makaruli sich nicht traute, ihre Frontfrau zu begleiten. Die Liedermacherin prangert darin den Missstand zwischen Arm und Reich an: "Es stimmt etwas nimma auf unsrer Welt, die einen verhungern und die anderen schaufelns Geld". Ihr Refrain lautet: "Zeit is worn, Zeit is worn, dass ihr kemma seids, dass ihr bei uns bleibt's. Ohne euch wär' unsre Menschlichkeit verlorn." Und weiter: "Jetzt macht ihr Afrikaner unsre Dörfer bunt und weniger schwarz, für Bayern ist des g'sund." Vom Publikum im evangelischen Gemeindehaus gab's dafür lange Applaus. Wilhelm bedankte sich mit ihrem Lied auch bei den Flüchtlingen, die an diesem Abend die Verköstigung organisiert hatten.

Die Akademie für Politische Bildung steuerte einen Vortrag zur aktuellen Ausstellung "Demokratie als Lebensform" bei. Die Wanderausstellung widmet sich dem an historischen Zäsuren reichen Leben des ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss und seiner Frau Elly Heuss-Knapp. Insbesondere die Vita von Elly Heuss-Knapp erstaunt. Sie führte ein für die damalige Zeit sehr fortschrittliches Leben: älter als ihr Mann, berufstätig und damit finanziell unabhängig und bis 1933 auch politisch aktiv. Nicht zuletzt ihre stark christliche Prägung macht Theodor Heuss bei den Alliierten für das Amt des ersten deutschen Bundespräsidenten attraktiv. Die Ausstellung läuft noch bis zum 13. Dezember 2015.