SZ-Serie Vom Verschwinden der Nasen

Einst galt die Amper als der fischartenreichste Fluss Bayerns. Dann kamen Begradigungen und Kormorane. Heute versuchen Fischer, die Bestände zu sichern. SZ-Serie "An der Amper - Menschen am Fluss", Teil 8

Von Manfred Amann, Fürstenfeldbruck

Als sich im 13. Jahrhundert die Zisterzienser-Mönche in Fürstenfeld angesiedelt hatten, dauerte es nicht lange, bis sich das Kloster die Wasser- und damit auch die Fischrechte eines großen Abschnittes der Amper, fast bis zum Ammersee und weit bis über Olching hinaus, gesichert hatte. Mit dem Wasser wurden etliche Mühlen angetrieben, und die Fische bereicherten fortan die Tafel, vor allem dann, wenn die höfische Gesellschaft aus München im Kloster zu Gast war. Überlieferungen nach war die Amper damals einer der fischartenreichsten Flüsse Bayerns.

Wenn der Landesbeauftragte des oberbayerischen Fischereiverbands (FVO) für Fischereivereine und FVO-Vizepräsident Thomas Schiffler das erzählt, klingt Wehmut mit, denn in der landschaftsprägenden Lebensader ist vom ehemaligen Artenreichtum nicht mehr viel übrig. Er ist der Überzeugung: "Wenn Fischereivereine nicht immer wieder Jungfische aussetzen würden, gäbe es etliche Arten in der Amper längst nicht mehr." Wie bei den Jägern werde bei den Fischern immer nur der Ertrag gesehen, nicht aber, was hineingesteckt wird. Der Schutz der Natur und die Erhaltung von Arten durch gezielte Nachzucht nehme deutlich mehr Zeit in Anspruch als man für das Angeln aufwenden könne. Schiffler ist auch Vorsitzender des Bezirksfischereivereins Fürstenfeldbruck und betreut mit etwa 150 Mitgliedern aktiv einen etwa 5, 5 Kilometer langen Amperabschnitt zwischen Schöngeising und Emmering. Die Huche zum Beispiel, der Fisch des Jahres 2015, der im Bereich des heutigen Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebietes oberhalb des Amperstausees einst heimisch gewesen sei, habe "keine Chance mehr". Selbst der Barbenbestand nehme von Jahr zu Jahr ab, bedauert er. Sein Stellvertreter in Bruck, Horst Frisch, erinnert sich daran, dass man vor 15 Jahren noch vom Boot aus Barbenschwärme beobachten konnte, "heute aber sieht man nur noch selten welche". Und dafür gibt es etliche Gründe.

Fischereiaufseher Jürgen Pfeifer, Vizevorsitzender Horst Frisch und Vorsitzender Thomas Schiffler (von links).

(Foto: Manfred Amann)

Es fängt damit an, dass man im 19. Jahrhundert generell damit begann, Flüsse zu begradigen, um das Wasser zum Antrieb von Mühlen abzuzweigen und später für die Energiegewinnung zu nutzen. So auch an der Amper, wo durch Querverbauungen wie das 1892 in Schöngeising errichtete Elektrizitätswerk der Wasserfluss derart unterbrochen wurde, dass sich bestimmte Fische vor und nach der Sperre nicht mehr halten können. Als "typisches Beispiel" nennt Schiffler das Aussterben der Nase im Bereich der Obermühle. Der Fisch habe dem Amperarm entlang der Schöngeisinger Straße in Fürstenfeldbruck wegen seines hohen Besatzes einst sogar den Namen Nasenarm gegeben, heute aber sei keiner mehr da.

Zum Rückgang der Arten führt auch die zunehmende Uferbefestigung entlang der Amper, weil Lebensgrundlagen für Fische kaputtgehen, wenn zerklüftete und unterspülte Ufer keinen Unterschlupf mehr bieten. Daher sei man heute froh über jeden Uferstreifen, der natürlich bleibe. Auswirkungen auf den Bestand haben auch die Rückstände von Dünger und Spritzmitteln, die mit Regenwasser ins Bett gespült werden.

Gelegentlich treffe man auch Schwarzfischer, die mit Angeln oder gar mit Reusen versuchen, möglichst große Exemplare zu erwischen. Und größer werden auch die Schäden, die Kormorane und Gänsesäger mittlerweile anrichten. Dass die Kormorane zumindest begrenzt geschossen werden dürfen, hält Fischereiaufseher Jürgen Pfeifer für einen Schritt in die richtige Richtung, den man endlich auch gegen die Gänsesäger gehen solle, weil dieser streng geschützte Fischwilderer noch deutlich aggressiver sei. "Sie kommen im Schwarm, treiben die Fische zusammen und holen sich mit Vorliebe die Jungfische, die wir mühsam großgezogen und ausgesetzt haben." Der Vogel brüte zweimal im Jahr bis zu zehn Junge aus und habe keine Feinde, erklärt Pfeifer und bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Schutzbestimmungen bald gelockert werden. Guten Schutz gegen die Fischfresser bieten geschlossene Baumbestände wie im Emmeringer Hölzl, weil den Vögeln dort der notwendige Aktionsraum fehlt. Viele Fischarten finden dort Schutz und können sich in den verschieden strukturierten Amperarmen prächtig entwickeln.

Als "immer größer werdendes Problem" bezeichnet Schiffler die Freizeitnutzung der Amper. "Obwohl vom Baden abgeraten wird, springen die Menschen an vielen Stellen ins Wasser und vertreiben so die Fische." Und auch die Zahl der Paddel- und Schlauchboote nehme von Jahr zu Jahr zu. "Für die Masse der Menschen hört Naturschutz an der Wasseroberfläche auf", kritisiert er und appelliert an die Fischereivereine, die Belastungen der Fischwässer durch die Freizeitnutzung in der Öffentlichkeit stärker anzuprangern. Um Arten noch gezielter vor dem Aussterben schützen zu können, wünscht er sich ein "Populationsmanagement" auf Verbandsebene. Froh sei er, dass die Stadt Fürstenfeldbruck es abgelehnt habe, dass auf dem Amperstausee Tretboote fahren und "Stand-up-paddler" übers Wasser marschieren dürfen.

Der Stausee ist eines der wenigen tieferen Stillwasser im Amperverlauf, in dem insbesondere barbenartige Fische (Cypriniden) heimisch sind. Dazu zählen auch Karpfen, Schleien, Brassen, Barsche und Rotaugen. Dort, wo das Wasser schnell fließt und sich in geringer Tiefe wie in Richtung Schöngeising Kiesbänke ausbreiten, leben eher lachs- und forellenartige Fische (Salmoniden) wie Bachforellen, Saiblinge und Äschen. Als weitere "Leitfischarten", die je nach Struktur des Wasserlaufes in Breite, Tiefe und Fließgeschwindigkeit einst dominierten, aber mittlerweile stark zurückgegangen sind, gelten Nase, Aalrutte und Nerflinge, von denen vor allem der Frauennerfling nur noch ganz selten anzutreffen ist.