Starnberger See Für 1,9 Millionen Euro gibt es Leni Riefenstahls Villa zu kaufen

Ein Sofa mit Blick ins Grüne: Leni Riefenstahl hat die Villa in Pöcking selbst entworfen.

(Foto: Jürgen Heidinger Immobilien/oh)

Sie lebte für die Ästhetik - und ließ sich von den Nazis für Inszenierungen einspannen. Später zog sie sich zurück, ihre selbstentworfene Villa am Starnberger See gewährt einen letzten Blick in die Welt von Leni Riefenstahl.

Von Christian Deussing und Susanne Hermanski

Leni Riefenstahl hatte fünf Leben. Sie fing an als Tänzerin, wurde Schauspielerin, war Regisseurin, dann Fotografin auf ethnologischen Pfaden und schließlich Taucherin mit der Unterwasserkamera. Jedes dieser Leben war bestimmt von der Ästhetik. Und die Ästhetik war es auch, die Leni Riefenstahl zum Verhängnis wurde. Von jenem Moment an, als sie ihre Vorstellung von visueller Wirksamkeit in den Dienst der NSDAP stellte, als sie den Auftrag annahm, 1934 deren Parteitag in Nürnberg zu dokumentieren. Nach dem Ende des Dritten Reichs wurde ihr Werk in der Folge nie wieder ohne Debatte um Schuld und Rechtfertigung betrachtet.

Sie zog sich entsprechend zurück, ins Herz Afrikas, unter die Wasseroberfläche - und in ein Haus, nicht weit vom Starnberger See. Jetzt, zwei Jahre nachdem auch ihr sehr viel jüngerer Lebensgefährte, der Kameramann Horst Kettner gestorben ist, wird es verkauft. So eröffnet sich die Möglichkeit zu einem letzten Blick in die Welt dieser Frau und Künstlerin. Die schmale Privatstraße in dem parkähnlichen Gelände ist unscheinbar. Nach etwa hundert Metern führen links zwölf breite Stufen den sanften Hang hinunter in den Garten - vorbei an einer uralten, knorrigen Eiche.

So sieht die Riefenstahl-Villa aus

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Der Anblick des riesigen Baumes soll Leni Riefenstahl dazu bewogen haben, in den Siebzigerjahren hier, jenseits des Pöckinger Höhenrückens, selbst Wurzeln zu schlagen. Sie baute sich auf dem 1700 Quadratmeter großen Areal eine Villa nach ihren Vorstellungen. Auf dem Anwesen lebte sie dann von 1979 bis zu ihrem Tod 2003. Als sie starb, war sie 101 Jahre alt.

Nach dem Tod Horst Kettners entschloss sich die Alleinerbin und Privatsekretärin Gisela Jahn zu einem zentralen Schritt: Sie schenkte das schier unüberschaubar große Werksarchiv Riefenstahls der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Der wertvolle Nachlass ihrer Chefin, soll also der Öffentlichkeit gehören. Allen Deutschen, von denen viele mit Leni Riefenstahls Werk und Wesen bis heute hadern. Gisela Jahns Geste ist also durchaus großzügig. Ein Sammler soll ihr zudem einen zweistelligen Millionenbetrag für den Nachlass geboten haben. In Riefenstahls Villa nahm dieses Archiv einen erklecklichen Anteil des Platzes ein.

Das Anwesen wird nun für knapp 1,9 Millionen Euro zum Kauf angeboten. In der Diele des lichtdurchfluteten Hauses kleben auf Silberfolien getrocknete Blätter, ein erstes Zeichen der einstigen Bewohnerin. Die steile Stiege hat einen Treppenlift nach oben, hinunter führt sie ins verwinkelte und mittlerweile leer geräumte Souterrain.

Riefenstahl litt die letzten Jahre unter quälenden Rückenschmerzen, nachdem sie mit 97 Jahren im Sudan im Hubschrauber abgestürzt war. Sie hatte den Nuba-Stamm noch einmal besucht, über den sie von den Sechziger- bis in die Achtzigerjahre viel diskutierte Reportagen und Bildbände veröffentlichte.

Vom Treppenabsatz aus nähert sich der Besucher den Archivräumen. Die Schätze darin hatte die Sekretärin sorgsam gehütet. Das frühere Tonstudio mit Schneideraum ist 42 Quadratmeter groß. Was die künftigen Eigentümer einmal daraus machen werden, fragt man sich unweigerlich. Ein Fitnessstudio? Die Modelleisenbahn aufbauen? Beim Makler Jürgen Heidinger haben sich schon knapp 50 Interessenten gemeldet. Wem das Haus gehört hat, erfuhren sie erst am Telefon von ihm.

Fast 50 Quadratmeter umfasst das frühere Archiv-Territorium. Die Filme, Fotos, Manuskripte, Briefe und Kalender sowie Dokumente und Bücher sind schon fort. Die Experten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz besichtigten das Material vor einigen Monaten und schickten ihre Fachleute samt einer Spedition. Tagelang verpackten sie alles in 700 Kisten. Zwei Lastwagen und ein Anhänger transportierten sie nach Berlin. Die Stiftung und die Deutsche Kinemathek werten das Erbe nun akribisch aus. Auch im Hinblick auf mögliche Ausstellungen.

Die Kunsthistoriker nahmen auch die Fotos der Nuba-Krieger ab, die Leni Riefenstahl in einem angebauten Interviewraum aufgehängt hatte. Darüber gibt es eine Empore. Riefenstahls Wohnkonzept sei "exakt und ästhetisch durchdacht" gewesen, sagt Heidinger. In diesem Fall keine bloße Maklerfloskel. Leni Riefenstahl hatte ihren Schreibtisch im Obergeschoss vor die Fensterfront gestellt. Die Äste der mächtigen Eiche ragen beinahe bis zum Balkon und sind zum Greifen nahe. Von dort aus sieht man hinüber zum sanften Hang, zu den Eschen und der alten Buche.

Viele Besucher haben diesen Ausblick schon beschrieben. Journalisten hat sie in einem ihrer letzten Interviews zu Protokoll gegeben, wie wichtig ihr die Natur um sie herum sei. Wie sie jeden Tag einen dreiviertelstündigen Spaziergang im Wald mache, auch wenn sie sich morgens nur noch unter massiven Morphiumgaben aus dem Bett bewegen konnte. Das war das Ende ihrer Leben.

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