Politischer Aschermittwoch Beitritt auf dem Bierdeckel

Die SPD wirbt beim politischen Aschermittwoch auf rustikale Art um neue Mitglieder. Die FDP zeichnet Sigrid Friedl-Lausenmeyer aus. Bei den Grünen gibt es nur Fischsuppe

Von Otto Fritscher und Christine Setzwein, Starnberg/Berg/Wörthsee

Jubel? Aufbruchstimmung? Wer geglaubt hatte, dass die Welle der Euphorie, die SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz beim politischen Aschermittwoch in Vilshofen ausgelöst hatte, bis nach Starnberg schwappen würde, der sah sich beim Aschermittwochstreffen der Kreis-SPD im "Theater am Hof" in Leutstetten getäuscht. Zwar war der Saal mit 100 Genossen gut gefüllt, aber etwas Heiterkeit kam erst auf, als die Reden der Kreisvorsitzenden Julia Ney aus Gauting und des Bundestagskandidaten Christian Winklmeier aus Gilching vorbei waren, und die Kabaretttruppe "Die Neurosenheimer" die Bühne erklommen hatten.

Dabei hatte Ney versucht, die Besucher des "Klassentreffens mit ganz vielen neuen Gesichtern" auf den bevorstehenden Bundestagswahlkampf einzustimmen. Die Deko stimmte schon, an der Saaltür hing das Schild "In diesem Haus wird SPD gewählt", und auf den Tischen lagen Bierdeckel, auf deren Rückseite man eine Beitrittserklärung zur SPD ausfüllen konnte. "Wir haben in den vergangenen Jahren viel einstecken müssen, wir waren vielleicht zu selbstkritisch, aber heute sollten wir stolz sein auf die alte Tante SPD", sagte sie. Und sie verwies auf die 16 Neueintritte in den Kreisverband, seit Schulz zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde. Wohlwollender Applaus der Zuhörer, Auftritt Winklmeier.

Mit Vollgas voraus: Die SPD-Kreisvorsitzende Julia Ney und Christian Winklmeier posieren auf einem Motorrad.

(Foto: Georgine Treybal)

Auch Winklmeier ist offensichtlich keiner, der zuspitzt oder zur Abteilung Attacke gehört. Er wolle lieber mit Sachargumenten überzeugen, sagte er. Und auch nicht die zwölf Seiten lange Rede halten, die der Parteivorstand jedem Kandidaten als Handreichung geschickt habe - offenbar für den Fall, dass der Kandidat selbst nichts zu sagen weiß. Winklmeier dankte den Starnberger SPD-Stadträten Tim Weidner und Christiane Falk dafür, dass sie den Tunnel-Beschluss auf den Weg gebracht hätten. Dann sprach er über die Gemeindefinanzen, plädierte für einen bayernweit einheitlichen Hebesatz, "denn dann braucht es keine großen Gewerbegebiete mehr", sprach sich gegen die Abschiebung von Flüchtlingen nach Afghanistan aus, forderte eine bessere Zusammenarbeit von Bund, Land und Kommunen, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, und plädierte für eine Grundsteuer C, die diejenigen zahlen sollen, die baureife Grundstücke haben, diese aber brach liegen lassen und nicht bebauen wollen. Den Gegner CSU attackierte Winklmeier dann doch noch: "Seehofer hat heute von ,Bayern zuerst' gesprochen. Das sind die Worte eines Möchtegern-Diktators." Und dem CSU-Bundestagskandidaten Michael Kießling kreidete er an, dass dieser nach nur drei Jahren als Bürgermeister in Denklingen (Landkreis Landsberg) in den Bundestag will. "Der hopst einfach so von Amt zu Amt." Winklmeier will im Fall seiner Wahl Gemeinderat in Gilching bleiben.

Heiß geht es dagegen bei den Landkreis-Liberalen zu. Der Versammlungsraum im Gasthof Zur Post in Aufkirchen ist eigentlich zu klein für die 75 Besucher, aber so ist es kuschelig und es entsteht politische Wärme. Familiär geht es auch bei der Verleihung des "Silbernen Fischmessers" zu, das die Kreisvorsitzende Britta Hundesrügge an besonders verdiente Liberale vergibt. Diesmal ist es die ehemalige Kreisvorsitzende, Kreis- und Gemeinderätin Sigrid Friedl-Lausenmeyer aus Feldafing, die diese Auszeichnung 2010 eigentlich selbst erfunden hat. Die Lobrede hält die Pöckinger Gemeinderätin Annette von Nordeck auf ihre "politische Ziehmutter", wie sie Friedl-Lausenmeyer bezeichnet, die seit 1975 FDP-Mitglied ist, sich aber vor Jahresfrist bis auf den Bezirkstag aus allen Gremien zurückgezogen hat. Nordeck würdigt das facettenreiche Engagement der Preisträgerin, dann bekommt diese in einer Pappschachtel das Fischmesser überreicht. "Jetzt kann ich wenigstens jemanden einladen, weil ich genügend Fischmesser hab'", sagt Friedl-Lausenmeyer nach der Verleihung zur SZ und grinst vergnügt. Die Frage, ob ihr die Politik nach so vielen Jahren des Engagements nicht fehle, beantwortet sie mit einem spontanen "Ja, sehr", aber sie fügt hinzu: "Ich bin ja vernünftig geworden und beantworte nicht mehr nachts um zwei irgendwelche E-Mails."

Bei der FDP´erhält Sigrid Friedl-Lausenmeyer von Annette von Nordeck und Britta Hundesrügge das Silberne Fischmesser.

(Foto: Georgine Treybal)

Zuvor hatte Britta Hundesrügge, die ebenfalls in den Bundestag will, aber von ihrer Partei noch nicht nominiert ist, eine politische Tour d'horizont unternommen. "Sehr ausführlich", wie ein Gast leicht gequält bemerkte. Finanzen, Frieden, Sicherheit, Wohlstand, Bürgerrechte, und vor allem ihr Spezialthema: "Die größte Rendite wirft die beste Bildung ab", sagte sie, sprach von "Digitalisierungskompetenz", Kaiser Wilhelm und der Erfindung des Autos, dem Tierschutz sowie der "Freiheitspartei FDP".

Am plastischsten war wohl das Beispiel von der unterbesetzten Gautinger Polizei. In die Apotheke gegenüber der Inspektion war eingebrochen worden, die Polizei alarmiert, aber: "Die konnten keine Streife über die Straße schicken, weil nur ein einziger Beamter zu dem Zeitpunkt in der Inspektion war, und der durfte sie nicht verlassen. Das ist doch absurd", sagte Hundesrügge. Neben der Bundestagswahl, die die FDP "natürlich" gewinnen wird, ist für Hundesrügge das Reformationsjubiläum am 31. Oktober der zweite Höhepunkt im Jahreslauf. "Martin Luther war der erste Freiheitskämpfer, andere haben seine Sache weitergetragen und daraus ist letztendlich die Demokratie entstanden", erklärte Hundesrügge.

Bei den Grünen spricht die Landtagsabgeordnete Gisela Sengl.

(Foto: Georgine Treybal)

Für die Rede von Gisela Sengl beim politischen Aschermittwoch der Kreis-Grünen in Wörthsee hatte sich die Ortsvorsitzende Roswitha Gahn folgendes vorgestellt: a bisserl draufhauen, a bisserl deftig, aber mit positivem Ausblick. Eine schwierige Aufgabe für Sengl, die agrarpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion. Denn zum einen, sagte Sengl, halte sie persönlich nicht so viel vom Draufhauen, "denn ich möchte auch nicht angegriffen werden". Zum anderen sei es nicht einfach, bei Umfragewerten von zuletzt sieben Prozent für die Grünen, optimistisch zu sein. "Vielleicht wird's langweilig", warnte Sengl deshalb die etwa 60 Zuhörer, die in den Alten Steinebacher Bahnhof gekommen waren.

Langweilig wurde es nicht, aber überbordend war die Stimmung nicht. In ihrer Rede ging Sengl auf die "drei Säulen" der Grünen ein: Demokratie und Frieden, Gleichberechtigung sowie Schutz unserer Lebensgrundlagen. Demokratie bedeute unter anderem, nicht aufzugeben und sich zurückzuziehen, sondern das große Ganze zu sehen und nach bestem Wissen und Gewissen abzustimmen, erläuterte die Traunsteinerin Sengl, die Schwester des Starnberger Stadtrats Franz Sengl, am Beispiel Starnberg. Dort hätten die Grünen schweren Herzens für den Tunnel gestimmt, damit der Stillstand in der Stadtpolitik endlich aufgehoben werden könne.

Was die Gleichberechtigung angehe, seien die Grünen die erste und bisher einzige Partei, die ihre Wahllisten paritätisch bestücke. "Wir suchen halt so lange, bis wir genügend Frauen finden." Viel zu tun gebe es noch bei der Wertigkeit von Berufen, sagte Sengl. Während Frauen in Männerberufen bewundert würden, würden Männer in Frauenberufen nur belächelt. Beim Schutz der Lebensgrundlagen hätten die Grünen viel erreicht. Allein das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sei "genial" und ohne die Grünen nicht gekommen. "Das haben wir geschafft, darauf können wir stolz sein", ermunterte Sengl ihre Parteifreunde. Aus ihren Absichten machte die 56-Jährige kein Hehl. "Ich will an die Macht, egal mit wem." Die absolute Mehrheit der CSU gehöre jedenfalls abgeschafft.

Ein bisschen draufhauen wollte zumindest die Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Kerstin Täubner-Benicke. CDU und CSU hätten das C schon lange verwirkt, sagte sie. Dass nach dem Fasching die Zeit der Besinnung folge, sei bei der CSU noch nicht angekommen, im Gegenteil: Sie "kopiert die braunen Populisten der AfD."

Nach einer guten Stunde konnten sich die Zuhörer dem Essen widmen. Bewusst habe man angesichts der leergefischten Meere auf ein richtiges Fischessen verzichtet, sagte Roswitha Gahn. Als Zugeständnis an den Aschermittwochsbrauch servierten die Wirte Dietlind von Laßberg und Hermann Schweigert eine Fischsuppe mit heimischen Arten, außerdem eine Tortilla und Panna Cotta.