Starnberg Wenn Hinsehen weh tut

Die Ausstellung über sexuelle Gewalt gegen Kinder und Frauen im Landratsamt war ein konfrontativer Akt der Aufklärung.

Von Sabine Bader

Sie klagen an. Und das machen sie so verstörend, dass es dem Betrachter kalt den Rücken runterläuft: Die Ausstellung "Was sehen Sie, Frau Lot?" der drei Künstlerinnen Renate Bühn, Maria Mathieu und Heike Pich war drei Wochen im Starnberger Landratsamt zu sehen, am heutigen Samstag wird sie abgebaut.

'Was sehen Sie, Frau Lot?', lautet der Titel der Ausstellung im Landratsamt Starnberg, im Starnberger Landratsamt. Foto: Fuchs.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Und sie wurde gesehen, denn wegschauen war quasi unmöglich: 2000 rosafarbene Krawatten, die in einer Rahmenkonstruktion im Foyer der Kreisbehörde hängen, sind nicht zu übersehen und auch ihre Botschaft ist klar - sich mit sexueller Gewalt gegen Kinder und Frauen auseinanderzusetzen. Warum eigentlich 2000 Krawatten? Weil bei 100 bekannt gewordenen Missbrauchsfällen die Dunkelziffer weit höher liegt - nämlich bei 2000. Irritierend wirkt auch das Bett auf den Betrachter, in dessen durchsichtigem Plumeau Briefe von Missbrauchsopfern sichtbar sind, oder das rosafarbene Schaukelpferd, das sich sachte auf und ab bewegt. Subtiles Grauen. Für so manchen Mitarbeiter war das in den ersten Tagen schon gewöhnungsbedürftig. Schließlich steht nicht oft ein Bett im Landratsamt herum oder eine Wiege.

Frauenbeauftragte Sophie von Wiedersperg hat die Ausstellung ins Landratsamt geholt, und sie ist froh darüber. Denn ihre Devise lautet: Hinsehen, auch wenn es weh tut. Und es tut weh - jeden Tag wenn sie über die Gänge der Behörde geht. Die Kunstwerke sind im gesamten Gebäude verteilt.

Im Foyer liegt ein Gästebuch zur Ausstellung, das schon ziemlich voll ist. Darin befindet sich unter anderem der Eintrag einer Besucherin, die schreibt, die Ausstellung sei wie eine Therapie für sie gewesen, habe Verschüttetes an die Oberfläche gebracht. Zuerst war Wiedersperg erschrocken, als sie das las, dann aber wurde ihr klar: Die Ausstellung geht direkt an die Gefühle Betroffener heran.

Nicht viele Landräte hatten bislang den Mut, die Ausstellung zu sich ins Amt zu holen. In Bayern ist Karl Roth (CSU) bisher laut Wiedersperg noch der einzige. Ein mutiger Schritt, findet auch die Frauenbeauftragte. "Roth war von Anfang an mit dem Herzen dabei" und habe auch Kritikern im Haus gesagt: "Ich will diese Ausstellung." Roths Vorgänger Heinrich Frey (ebenfalls CSU) war übrigens auch der erste Landrat Bayerns, der vor Jahren eine provokative Kondom-Ausstellung in der Kreisbehörde zeigte und damit eine lebhafte Debatte um die Aids-Prävention auslöste.

Wir sind im Landkreis überhaupt gut aufgestellt", befindet Wiedersperg und nennt zu allererst den Frauennotruf mit sitz in Herrsching, den es seit mehr als 20 Jahren gibt. Er kümmert sich um Frauen in akuten Notlagen. Dann sind da noch das Frauenhaus und der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt. Missbrauch hat eben viele Gesichter. So gilt es Ärzte, Pädagogen und Erzieher zu schulen, damit sie auch diejenigen Fälle von häuslicher und sexueller Gewalt erkennen, bei denen die Betroffenen nicht in der Lage sind, offen über das Erlebte zu sprechen. "Auch ein gutes Netzwerk, wie wir es im Landkreis haben, kann schließlich noch dichter werden", sagt Wiedersperg. Und die Ausstellung "Was sehen Sie, Frau Lot?", hat dazu einen wichtigen Betrag geleistet.