Starnberg Guter Stoff

Karolina Weiß schneidert seit 25 Jahren die Faschingskostüme der Perchalla. An diesem Samstag wird ihr Werk der vergangenen Monate enthüllt.

Von Benedikt Warmbrunn

Schneidermeisterin Karolina Weiß in ihrem Atelier "Karo" in Starnberg. Ein Kostüm sei wie eine zweie Haut, deshalb müsse es absolut passen, ist ihre Philosophie. Von so viel Akuratesse profitiert die Faschingsgesellschaft Perchalla. Foto: Fuchs

(Foto: STA Franz X. Fuchs)

- Ein Kostüm ist eine zweite Haut, das ist die Idee. Es soll passen, zumindest vom Schnitt her. Wenn sich Karolina Weiß eine zweite Haut überstreift, dann zieht sie sich ein rot-schwarzes Kostüm an und kämmt die Haare nach hinten. Sie geht dann als Spanierin, obwohl sie keine Spanierin ist. Sie sieht dann streng aus, obwohl sie nicht streng ist. Und trotzdem bleibt sie Karolina Weiß. "Dann kann ich mal in eine andere Haut schlüpfen, den Alltag vergessen", sagt Weiß, wobei das nicht ganz stimmt: Ihren Alltag kann sie dabei nicht vergessen. Ihr Alltag ist es schließlich, anderen eine zweite Haut zur Verfügung zu stellen.

Weiß sitzt in ihrem Atelier in Starnberg, sie trägt eine grasgrüne Hose, einen grünen Schal, einen schwarzen Pullover. Aber darum geht es eigentlich nicht. Es geht um das, was hinter ihr hängt. Ein kleeblattgrünes Kleid, ein blaues Abendkleid und vor allem: mehrere schwarze Säcke. In den Säcken steckt das große Geheimnis von Weiß, sie öffnet sie nicht, zumindest nicht bis zu diesem Samstag. Dann veranstaltet die Faschingsgesellschaft Perchalla ihren traditionellen Inthronisationsball, mehrere Gruppen werden auftreten, insgesamt knapp 60 Tänzerinnen und Tänzer. Sie alle werden eine zweite Haut tragen. Geschneidert von Karolina Weiß.

Der Fasching hat in diesen Jahren, in denen so häufig von verschiedenen Krisen gesprochen wird, keinen allzu guten Ruf; irgendwie ist es auch für das Ausgelassene keine gute Zeit. Der geplante Spaß ist kein begehrtes Konsumgut mehr. Wie in jeder Krise ist es auch in der Faschingskrise gut, Konstanten zu haben. Sie erinnern einen an die Zeit, in der alles leicht war, in der es noch nicht diese schwere Gedanken gab. Die Konstanten halten die Hoffnung aufrecht, dass es wieder so leicht werden wird, irgendwann einmal. Die Konstante der Perchalla ist Karolina Weiß, seit 25 Jahren.

1987 war Weiß Prinzessin in der Faschingsgesellschaft, und außerdem war sie Schneidergesellin. Die naheliegende Lösung: Sie sollte sich ihr Kostüm selbst nähen. Und weil ihr das so viel Spaß gemacht und weil es auch den anderen gefallen hat, hat sie seitdem in jedem Jahr geschneidert. Nicht nur für die jeweilige Prinzessin. Sondern für alle. "Wir sind damit ganz gut gefahren", sagt Weiß.

Die Perchalla ist nicht der einzige Faschingsverein, für den Weiß arbeitet, sie schneidert Kostüme für die Garden aus Karlsfeld, Steinkirchen oder Pfaffenhofen. Doch die Perchalla ist ihr exklusivster Kunde. Das liegt an der alten Verbundenheit. Und es liegt daran, dass die Perchalla ihre Kostüme früh präsentiert, eben im November. Die meisten anderen Vereine ziehen erst später nach, meist im Januar, wenn so langsam die Hochphase der Faschingssaison beginnt. Dass die Perchalla so früh beliefert werden muss, bedeutet für Weiß, dass der Verein ein Ganzjahresjob ist.

Anfang November hat Weiß bei der Generalprobe zugeschaut, hat beobachtet, wie die Kostüme wirken, zum Teil hat sie Kleinigkeiten nachgebessert. Es war ein angenehmer Termin für sie, es gab keine großen Probleme. Die eigentliche Arbeit hatte sie bereits erledigt.

Jedes Frühjahr, kurz nach dem Ende der Faschingssaison, fährt Weiß nach Augsburg zu einem Stofflieferanten, der ansonsten Bühnen und Theater ausstattet, einer, sagt Weiß, "der sich auskennt, wenn es glitzert und funkelt". Glitzern und funkeln: Darauf kommt es an. Weiß läuft dann durch das Augsburger Lager, lässt sich inspirieren, am meisten von den Farben. Nie soll eine Farbe in zwei Jahren hintereinander eingearbeitet werden, sie geht da also nach dem Ausschlussverfahren vor. In der vergangenen Saison waren die Kostüme orange, in der zuvor blau, also werden sie nun ganz sicher nicht orange oder blau.

Sobald Weiß sich für eine Farbe entschieden hat - die aktuelle verrät sie nicht -, lässt sie sich ein Stoffmuster schicken und trifft sich mit dem Vorstand der Perchalla. Sie sprechen dann etwa eine Stunde lang, über Musik, über das Motto, anschließend entscheiden sie, ob die Farbe passt, ob der Schnitt passt, den Weiß gezeichnet hat. Andere Vereine kommen zu dem Vorgespräch schon mit konkreten Zeichnungen, aber die Perchalla, sagt Weiß, "ist ganz auf meinen Ideenreichtum bedacht".

Sobald sie eine Idee entwickelt hat, misst Weiß die Tänzerinnen und Tänzer ab, sie bestellt die Stoffe, meistens sind das um die 150 Meter allein an Lycra. Lycra ist wichtig, denn Lycra ist elastisch, lässt sich dehnen und reißt nicht so schnell. Die Stoffrollen schleppt Weiß in das Hinterzimmer ihres Ateliers, dort hat sie mehrere Nähmaschinen mit insgesamt 15 Garnrollen, für enge Nähte, für weite Nähte. Mit einem Kostüm flitzt sie ständig von Maschine zu Maschine, insgesamt ist sie pro Jahr mit den Kostümen der Perchalla knapp 500 Stunden lang beschäftigt.

Weiß schneidert auch Kleider und Dirndl, aber ein Kostüm ist eine besondere Herausforderung. Die Tänzerinnen müssen darin Spagate machen, sie müssen Hebefiguren ausführen, und nie, nie, nie darf das Kostüm dabei einengen. Zum Beispiel die Ärmel: Damit die Tänzerinnenarme ungehindert durch die Luft schwingen können, haben die Kostüme am Oberarm etwas mehr Stoff, so dass sie nicht zerren und zwicken. Wenn die Arme ganz normal nach unten hängen, ist da dann zwar eine Falte, aber sie wird so dezent eingearbeitet, dass sie kaum auffällt.

Das Verstecken ist überhaupt die große Kunst mit der zweiten Haut: Leichtes Übergewicht wird kaschiert, auch körperliche Vorzüge wie schlanke Beine sollen nicht zu sehr betont werden. "Es darf nicht ordinär sein, man darf nicht zu viel sehen", sagt Weiß. Am Ende, ganz wichtig: Glitzer. "Glitzern kann es nie genug", sagt Weiß.

Vor dem Verlassen des Ateliers die Frage, ob Weiß nicht doch noch einen der schwarzen Säcke öffnen könnte, zumindest ein klitzekleines Bisschen. Einen Spalt, mehr nicht. "Nein", sagt Weiß, sie runzelt mit den Augenbrauen, "überhaupt keine Chance."

Irgendwie kann sie doch ganz schön streng sein.