Starnberg Ein Hauch von Hendrix

Der Schauspieler Udo Wachtveitl bei seiner Lesung.

(Foto: Nila Thiel)

Die "Geschichte der Welt in neun Gitarren" begeistert die Zuhörer

Von Silvia Böhm-Haimerl, Starnberg

1969, es regnete und regnete. Die meisten der ursprünglich 400 000 Besucher waren schon nach Hause gegangen. Erst spät in der Nacht, als nur noch knapp 30 000 Besucher im Schlamm von Woodstock ausharrten, hatte Jimi Hendrix seinen Auftritt: Auf der E-Gitarre spielte er seine Interpretation der US-Nationalhymne. Er rebellierte gegen den Vietnamkrieg indem er die Melodie so verfremdete, dass Kriegsszenen hörbar wurden. Der Auftritt des 27-Jährigen, der nur 13 Monate später sterben sollte, wurde zur Legende.

Am Sonntag ließ das Gitarrenduo Christian Gruber und Peter Maklar diese unvergessliche Version von "Star Spangled Banner" bei der musikalischen Lesung "Eine Geschichte der Welt in neun Gitarren" in der Schlossberghalle wieder aufleben. Ebenso wie Hendrix entlockte auch Maklar seiner E-Gitarre das tiefe Brummen der Fliegerangriffe, das zu einem ohrenbetäubenden Lärm anschwillt, die Maschinengewehrsalven oder das Gewitter des Bombenhagels. Es war Höhepunkt einer grandiosen Premiere, bei der die Spieltechnik der Weltklasse-Virtuosen Gruber und Maklar sowie die einfühlsame Erzählkunst des Schauspielers Udo Wachtveitl einen ausdrucksstarken Dialog bildeten. Das sichtlich ergriffene Publikum spendete stehend Applaus. Bei der Veranstaltung zum Finale des Starnberger Schlossfestes gab es nur einen Wermutstropfen: Die Künstler hatten schlicht vergessen, eine Zugabe einzuüben. Die enttäuschten Zuschauer mussten sich am Ende mit der Versicherung von Wachtveitl begnügen, dass die Zugabe beim nächsten Auftritt nachgeholt werden soll.

Der frühere Inhaber der Starnberger Bücherjolle, Ole Schultheis, hatte die Künstler zusammengebracht und die "Geschichte in neun Gitarren" von Érik Orsenna und Thierry Arnoult bearbeitet. Seiner Bühnenbearbeitung waren mühselige, monatelange Verhandlungen mit dem französischen Verlag vorausgegangen. Zudem ist der nicht nur als Tatort-Kommissar bekannte Wachtveitl so ausgebucht, dass es ein Jahr dauerte, bis ein gemeinsamer Probetermin der Künstler zustande kam. Doch der Schauspieler habe den Text sofort intus gehabt, schwärmte Schultheis. Es war Wachtveitl anzusehen, dass ihm die Lesung ein besonderes Anliegen war: Er schlüpfte in die verschiedenen Rollen und hauchte ihnen mit differenzierter Mimik, Gestik und der Ausdruckskraft der Sprache Leben ein.

Obwohl Erzähler und Musiker nur drei Mal gemeinsam geprobt hatten, waren sie gut aufeinander eingespielt. Einfühlsam führten sie vom Ägypten der Pharaonen zu den Zeiten der Pest in Katalonien; von den Inkas in Peru, deren Welt von 182 Seefahrern zerstört wurde, zu den Sklaven, denen es bei Todesstrafe verboten war, ein Instrument zu spielen. Die Akteure warfen sich den Ball bei der sprachlichen und musikalischen Umsetzung des Erzählten gegenseitig zu.