Starnberg Aus dem Vollen geschöpft

Große Besetzung: Das Symphonische Orchester München-Andechs mit Projektchor und vier Solosängern füllte die Bühne der Schlossberghalle völlig aus.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Das Symphonische Orchester München-Andechs wagt sich an Beethovens Neunte - und überzeugt

Von Reinhard Palmer, Starnberg

Sich an Beethovens Neunte heranzuwagen ist schon deshalb ein heikles Unternehmen, weil dabei extrem viele Mitwirkende zu managen sind. Doch am Ende kommt die ganz große, beglückende Belohnung für alle Mühen. Einer Geige der ersten Pulte sprang vor Anspannung noch vor dem ersten Ton eine Saite, sodass Andreas Pascal Heinzmann am Pult erst einmal den Alleinunterhalter geben musste, bis es mit einer neuen Saite losgehen konnte. Von da an lief in der Starnberger Schlossberghalle aber alles wie am Schnürchen.

Das Symphonische Orchester München-Andechs (SOMA), bestehend aus Studenten und jungen Berufstätigen, ist zwar ein Amateurensemble, doch von erstaunlichen Qualitäten, vor allem was Intonationssauberkeit und Homogenität betrifft. Noch erstaunlicher war die Leistung des imposanten Chores, der explizit für dieses Projekt zusammengetrommelt wurde und einen wohltönenden, ausbalancierten Klangkörper abgab. Man kann nur staunen, wie viel musikalisches Können und Wollen hierzulande verfügbar sind.

Beethovens Neunte ist eine Feuerprobe für jedes Orchester. Heinzmann hatte vor dem SOMA trotz der enormen Größe keine Mühe, rhythmische Straffheit präzise auszuspielen oder mit sicheren und homogen durchgeführten Wendemanövern zu überraschen. Das war sofort geboten, plante doch Beethoven im Kopfsatz keinerlei Schonzeit ein. Der Spannungsbogen setzte im ersten Ton an und zog sich wirkungsvoll und mit klangschönen Mixturen bis zum fulminanten Finale hin.

Dieses Programm galt im Grunde auch für den zweiten Satz. Heinzmann legte viel Sorgfalt in die kurze Eröffnung mit dem Streicher-Oktavsprung und dem anschließenden Paukendonner. Danach kam auch alles spritziger, im Dialogisieren fesselnd, dem Scherzo-Charakter gerecht. Auch der Kontrast zum von Holzbläsern bestimmten Trio verfehlte seine Wirkung nicht. Die Dramaturgie des Werkes zeigte sich überaus schlüssig und setzte sich im schönfarbigen Adagio fort: Gerade das Dialogisieren der Bläser mit den Streichern entwickelte hier einen besonderen Reiz in der üblichen Breite der langsamen Sätze.

In der Dramaturgie setzt sich der Schlusssatz davon deutlich ab: Es gibt in der Musikgeschichte kaum einen anderen Symphoniesatz mit so imposanten Aufbau. Heinzmann erarbeitete mit dem SOMA zunächst die Bedeutsamkeit, die Schillers Ode "An die Freude" zukommen sollte. Mit María-José Rodriguez (Sopran), Anna-Louise Costello (Alt), János Alagi (Tenor) und Sven Fürst (Bass) setzte Heinzmann stimmige Solisten ein, auch wenn Costello allzu behutsam an ihren Ensemblepart heranging. Doch alle verstanden es, mit ihren solistischen Einsätzen die Steigerung auf den großen Choreinsatz auszudehnen und allmählich Klangfarben und Charakteristika immer reichhaltiger und brillanter zu mischen, bis die Ode schließlich aus dem Vollen schöpfen kann.

Was theoretisch einfach klingt, ist de facto eine große Herausforderung: Die Wirkung muss immer wieder zurückgenommen werden, um sich anschließend erneut bis zum Bersten zu steigern. Rodriguez und vor allem Alagi hatten mit den Höhen im A-cappella-Quartett etwas zu kämpfen, bis das finale Feuerwerk die Schiller'sche Botschaft mit einem strahlenden Chorklang in die Welt schicken konnte. Das berührte und wurde mit frenetischem Applaus belohnt.