Seeshaupt Auch Fische brauchen eine Treppe

Im Bereich des Lido am südlichen Ende des Starnberger Sees ist der Fischreichtum groß.

(Foto: Georgine Treybal)

Vom Starnberger See in Seeshaupt in die Osterseen zum Laichen zu gelangen, ist für die Tiere fast unmöglich. Meist scheitern sie am Stausee. Das soll sich ändern, wenn es nach Gewässerwart Reinhard Mauritz geht

Von Kia Ahrndsen, Seeshaupt

Ein wirklich verwunschenes Plätzchen ist der sogenannte Lido-Park am Südende des Starnberger Sees. Hier bildet die Ach einen kleinen Stausee, sie kommt von den Osterseen. Die Wasserkraft des Flüsschens nutzt der Mensch schon seit Jahrhunderten: Schon um 1400 stand hier eine Mühle. Von 1906 an wurde Strom produziert, mit dem bis 1926 auch Seeshaupt versorgt wurde. Am Achstausee stand ein "Lido-Kurrestaurant" mit Seeterrasse, abends kreuzten elektrisch beleuchtete Gondeln. Erst 1929 wurde das heutige Seerestaurant am Starnberger See als "Strandhalle" für das Kurheim gebaut. Das Gebiet rund um den Stausee sank in einen Dornröschenschlaf, den auch die Fischer des Seeshaupter Anglerkreises nicht störten. Dem damaligen Gewässerwart Reinhard Mauritz machten aber die Fischbestände Sorgen: Am Stausee scheitern die Fische, die zurück zu ihren Laichgründen in den Osterseen gelangen wollen.

Reinhard Mauritz unternahm schon 2010 eine Zählung. In drei Monaten zählte er 2500 Fische unterhalb des Wehrs, oberhalb waren es im selben Zeitraum gerade 36 Exemplare. 19 verschiedene Arten haben die Angler gefunden, das ist ungewöhnlich viel. Zur Laichzeit, so Mauritz, stehen zwar tausende Fische in der Ach, alle zwei Wochen eine andere Art. Aber sie kommen nicht weiter: Aus dem Ablaufkanal und dem Auslauf der alten Turbine schießt das Wasser zu stark, der Wasserfall ist zu hoch und die rund 40 Jahre alte Fischtreppe, die eigentlich als Aufstiegshilfe dienen soll, ist zu klein. Also legen die Fische ihre Eier unterhalb des Wehrs. "Wenn die Nerflinge laichen, die übrigens auf der Roten Liste stehen", sagt Mauritz, "dann ist der ganze Boden goldgelb, als wäre er mit Sand bedeckt. Das sind alles Fischeier." Nur wenig später ist aber alles wieder verschwunden. "Es wächst kein Schilf, kein Schutz dort, es gibt keine richtige Kinderstube", sagt Mauritz. "Das ist ein gefundenes Fressen für Enten, Schwäne oder Aale".

Er plädiert für eine neue, ausreichend große Fischtreppe. An den Kosten würden sich auch die Iffeldorfer Angler und der Verein die "Die Gespließten" aus München beteiligen, deren Reviere an Ach und Osterseen liegen. Die Natura 2000-Richtlinie, die EU-weit gilt, nennt die Vernetzung des Starnberger Sees mit den Osterseen explizit als Ziel. Das bayerische Landwirtschaftsministerium soll bis Jahresende alle Gewässer beurteilen, bis 2020 muss der jeweilige Besitzer für Durchlässigkeit sorgen.

Auch ein Gewässerentwicklungsplan, der noch unter dem Seeshaupter Bürgermeister Kirner erstellt worden war, stellt die Defizite fest und schlägt Maßnahmen vor. Mauritz sieht die Zeit davonlaufen: Ende des Jahres enden die aktuellen Förderzeiträume; was nächstes Jahr zur Verfügung stehen wird, ist unklar. Mauritz versucht schon seit Jahren, den Seeshaupter Gemeinderat einzubinden. 2011 suchte er das Gespräch mit Bürgermeister Michael Bernwieser, der wiederum mehrere Gesprächsrunden zusammenrief, zuletzt im Januar 2014. Der Fischereiverband Bayern möchte am liebsten die Staumauer abreißen und das gesamte Gebiet in den Urzustand versetzen. Wasserwirtschaftsamt, Naturschutzbehörde und nicht zuletzt Bürgermeister Bernwieser widersprechen diesem Ansinnen jedoch vehement: Sie befürchten, dass der Wasserspiegel im Moorgebiet rund um die Osterseen absinken könnte. Noch vor zwei Jahren hatte das Wasserwirtschaftsamt genaue Messungen verlangt, um die Auswirkungen der Trinkwasserentnahme der Gemeinde zu untersuchen. Bernwieser befürchtet aber auch Auswirkungen auf die Statik der Wohnhäuser an der Ach.

Allerdings ist die Staumauer marode, saniert muss sie auf jeden Fall werden. Der Besitzer des Geländes, Lars Kaiser, hat ohnehin große Pläne: Er möchte nun endlich mit dem Bau eines Hotels mit 32 Gästezimmern beginnen. Auch die Sanierung des Stauwehrs steht auf dem Plan, hier soll in einigen Jahren ein Spa- und Wellnessbereich entstehen. Kaiser hat nun eine neue Idee: Er möchte die Wasserkraft wieder nutzen. Ingenieur Stephan Wöllisch hat errechnet, dass pro Jahr 30 000 Euro Stromkosten eingespart werden könnten.

Das aber macht nun wiederum den Gewässerwart sehr unglücklich. Wenn eine Turbine so viel Strom erzeugen sollte, bliebe kein Wasser mehr für eine effektive Fischtreppe übrig, sagt Mauritz. Überdies kann er sich nicht vorstellen, dass überhaupt so viel Strom erzeugt werden könnte. Er plädiert daher für die Sanierung der Staumauer und eine vernünftige Fischtreppe, denn: "Es gibt einfach zwei Biotope: den Starnberger See und die Osterseen, die durch die Ach und den Stausee verbunden sind", sagt er. "Und das müssen wir für unsere Kinder bewahren!"