SZ-Schulratgeber Motivation iPad

Informationen im Netz suchen und Themen präsentieren: Die Realschüler lernen so viel lieber. Die Lehrer sind nur noch Ratgeber und leiten sie an.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Gautinger Realschule geht neue Wege, indem sie Tablets in den Unterricht einbindet - und ist damit Vorreiter in Deutschland. Die Klassen sind sehr beliebt. Nur zwei Schüler wurden bislang beim Spielen erwischt.

Von Manuela Warkocz, Gauting

Laptop und Lederhose? In der Schule der Zukunft völlig out. Zwar nicht die Lederhose, aber der Laptop. Das iPad ist kleiner, handlicher, robuster und vielseitiger einsetzbar. Deshalb bietet die Realschule Gauting seit dem Schuljahr 2011/12 spezielle iPad-Klassen an.

Sie gilt damit bundesweit als Vorreiter eines völlig neuen Lehr- und Lernmodells zusammen mit der Realschule am Europakanal in Erlangen. Viel schaut man sich von Schulen in den USA und Skandinavien ab, die bereits die ersten Erfolge melden. Stichworte wie individuelles Lernen, entspannte Lernatmosphäre, sowie orts- und zeitunabhängiges Lernen spielen dabei die Hauptrolle.

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Bücher gibt es auch noch

Von den rund 900 Gautinger Realschülern arbeiten derzeit 120 mit den elektronischen Geräten. Zwar gibt es in den vier iPad-Klassen auch noch Bücher, Hefteinträge und Klassenarbeiten auf Papier, Informationen holen sich die Siebt- bis Neuntklässler aber über Google. Ihre Ergebnisse präsentieren die Jugendlichen via Beamer.

Aus ganz Deutschland kommen Lehrer und Uni-Professoren nach Gauting, um diese Form des Unterrichts kennenzulernen. Zeitungen und Fernsehen haben ebenfalls großes Interesse. Auf der Bildungsmesse Didacta 2014 in Stuttgart stellten sich Jugendliche einer iPad-Klasse in einem "gläsernen Klassenzimmer" vor. Im Dezember erhielt die Gautinger Realschule in Berlin den Deutschen Lehrerpreis 2014 für besonders innovativen Unterricht.

"Auch die älteren trauen sich immer mehr ran"

"80 bis 90 Prozent unserer Schüler wollen inzwischen gern in eine iPad-Klasse", sagt Konrektor Tobias Schnitter. Aus organisatorischen Gründen sei dies aber nicht möglich. Der Projektleiter rechnet damit, dass im kommenden Schuljahr wieder zwei spezielle Klassen mit etwa 30 Schülern gebildet werden. Doch auch in den übrigen Klassen kommen iPads zum Einsatz. Zwei Koffer mit je 16 Geräten stehen dem 60-köpfigen Lehrerkollegium zur Verfügung. Die Lehrer lassen sich vom Pioniergeist an der Schule anstecken. "Auch die älteren trauen sich immer mehr ran", freut sich Schnitter. Wichtig ist es, sie gut aus- und fortzubilden. Denn Lehrer sind mehr Ratgeber und Anleiter als Dozenten. Sie helfen den Jugendlichen, sich im Informationsdschungel zurechtzufinden, Quellen und Material kritisch zu hinterfragen, sich in Teams zu organisieren und die eigenen Präsentationsfähigkeiten zu verbessern.

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Für die 7e - eine iPad-Klasse - steht an diesem Montag "Drogenprävention" auf dem Lehrplan. Biologielehrerin Bettina Forster verteilt an Vierer- und Fünfer-Teams Themen. Alkohol, Cannabis, Crack, Kokain - wie werden sie hergestellt, wie verbreitet? Wie wirken sie? Wie läuft der Entzug? "Ich hätte gern eine zehnminütige Gruppenpräsentation, vier Seiten für ein iPad in Quadratformat und ein Handout, das ihr als PDF speichert, so dass es sich alle runterladen können. Ihr könnt Screenshots machen und Notizen. Darauf gibt's Noten", erklärt die 29-jährige Lehrerin. Ein paar Hände schnellen hoch. Detailfragen. Dann tippen alle eifrig in die Geräte, eine Mädchengruppe lässt sich im Gang nieder, Austausch mit gedämpften Stimmen. Xenetha findet im Internet, dass man sich "euphorisch" fühlt, wenn man Cannabis nimmt.

Verrückt? Lasch? High?

Aber was bedeutet der Ausdruck? Verrückt? Lasch? High? Rasch wird nach einer Erklärung gesucht. Die Mädchen stoßen auf "hyperaktiv" und "aufgedreht". Sie setzen einen Link zu ihrer Quelle. Lehrerin Bettina Forster geht von Gruppe zu Gruppe. Einem Jungen zieht sie die Mütze vom Kopf. Der protestiert grinsend: "Die schützt mich vor dem Einfluss meiner Eltern." Pubertäres Verhalten gibt's auch hier. Aber das Unterrichten in den iPad-Klassen ist entspannter, sagt sie. Am Ende kann die Alkoholgruppe schon erste Ergebnisse an die Wand beamen: Die Mädchen zeigen ein Bild von einem Fötus, um Alkoholschäden in der Schwangerschaft zu verdeutlichen. "So stelle ich mir das vor", lobt die Lehrerin.

Nächste Stunde Geographie. Lehrer Peter Eckert hat schon am Vorabend den 29 Schülern per Rundmail das Erscheinen der SZ-Reporterin angekündigt. Und einen Test vorbereitet, mit dem die Jugendlichen ihr Wissen aus den vergangenen Stunden über Schwarzafrika überprüfen können. Sieben Fragen, drei Minuten, das Quiz öffnet sich per Passwort. Am Ende sehen sie sofort, was falsch war. "Nur zwei Fehler", freut sich Marie. "Das macht echt voll Spaß."

"Die Schüler sind hoch motiviert", sagt der Konrektor. In drei Jahren seien nur zwei Schüler beim Spielen erwischt worden. So viel zu den Befürchtungen der Eltern. Aber wie wirkt sich der Unterricht mit iPad auf den Schulabschluss aus? Noch gibt's keinen Abschlussjahrgang. "Aber erste Studien aus Schottland und Australien legen nahe, dass iPad-Klassen sogar bessere Ergebnisse erzielen bei zentralen Prüfungen." Man wird sehen.