Schlagenhofen Sieben Abgründe

An Leonardo da Vincis berühmtem "Abendmahl" orientiert: Gisela Forster vor ihrer Kunstinstallation zu Ostern.

(Foto: Nila Thiel)

Die Künstlerin und Philosophin Gisela Forster stellt am Wörthsee eine Installation zu Ostern aus

Von Patrizia Steipe, Schlagenhofen

Wenn das marode Gartenhäuschen zusammengekracht ist, führt die meisten Bürger der nächste Weg auf den Wertstoffhof, wo die morschen Bretter entsorgt werden. Nicht so Gisela Forster. Für die umtriebige Künstlerin und Philosophin waren die Reste der Holzwände, die sie am Wörthsee entlang ihres Sommerhauszauns gestellt hatte, die pure Inspiration. "Daraus könnte man eine große Sache machen, eine Serie oder Reihung", fand Forster. Und da sie gerade das Buch "Interview mit dem Tod" von Jürgen Domian gelesen hatte, stand das Thema schnell fest: Die Auseinandersetzung mit Leben und Tod. "Die Grundfrage von Ostern", so Forster. Für sie persönlich auch eine schmerzhafte Zeit, denn an einem Karfreitag ist ihr Sohn vor einigen Jahren gestorben.

Entstanden ist eine "Kunstinstallation mit neun Variationen" zu Leonardo da Vincis Abendmahl. Dieses zentrale Gemälde des italienischen Renaissancemalers ist eines der ersten perspektivisch komponierten Bilder der Kunstgeschichte. Für Forster hat das Bild besondere Bedeutung: "13 Menschen sitzen ruhig und entspannt in der Gemeinschaft um einen Tisch, als wäre alles gut und schön. Doch sitzt nicht nur ein Judas unter ihnen, der den Verrat über die Freundschaft stellt, sondern es ist das Bild, das unmittelbar vor den grausamen und schrecklichen Tagen des Karfreitags und Karsamstags steht".

Bei ihrer Oster-Kunstinstallation hat Forster genau die Komposition mit den Dreiergruppen und der Zentralperspektive von da Vinci übernommen. Die grob skizzierten Figuren in Schwarz- und Grautönen sollen die "Daseinsform der Gegenwart ausdrücken". Die Personen stellen aber auch die Abgründe des Menschseins dar. Für Forster sind dies "Schicksalsabgründe" wie Tod, Krankheit, Traurigkeit und "narzisstische Abgründe" wie Hochmut, Sucht, Pharisäertum und Gewalt. Die abstrakten Begriffe hat sie gegenständlich umgesetzt. Bei "Krankheit" sieht man beispielsweise Bettlägerige, die ihre Hände vors Gesicht geschlagen haben, Rollstuhlfahrer, Blinde. Die "Traurigkeit" hat bei dem nächsten Bild Besitz von den Menschen ergriffen. Man sieht leere Gesichter, Hoffnungslosigkeit. Alle Figuren sind mit schnellem Pinselstrich entstanden. Sie sind auf das Wesentliche reduziert und haben dadurch archaische Ausstrahlung.

Im Zentrum des Bildes findet man wie bei da Vinci die Christusgestalt. Mal wendet sich Christus ab, weil er die Besserwisser und Eitlen nicht mehr sehen möchte, mal kapselt er sich ab, verlässt ein Bild, weil er es nicht mehr ertragen kann oder legt resignierend seinen Kopf auf die Tischplatte. Um den statischen Bildern quasi "Leben" einzuhauchen, hat die Künstlerin verschiedenfarbige Tücher an die Seiten gehängt, die sachte im Wind wehen und so das Zeitliche ausdrücken sollen.

"Nach dem Malen dieser sieben Abgründe des Menschseins fühlte ich mich ruhig. Ich hatte die Schrecken der Bedrohungen des menschlichen Daseins in den Bildern fassbar, fühlbar und sichtbar gemacht und die Bedrohung dadurch gebändigt", erklärt Forster. Sie zeigte die Bilder Freunden, denen das Ganze viel zu negativ und hoffnungslos war. Es fehle ein österliches Auferstehungsbild. Gesagt, getan. Das "Auferstehen" wird bei Forster zum "Aufstehen". Auf dem Bild "Tanzen statt Töten" haben sich die Menschen erhoben aus Gewalt und Unterdrückung und tanzen auf der Tischplatte. Das Böse ist allerdings immer noch da. Unter dem Tischtuch sitzen die Krieger, Verbrecher, Zerstörer und Stalker und warten darauf, wieder auftauchen zu können.

Die Installation (Kunsthaus am Wörthsee, Schlagenhofen, Grünbichl 23) ist von Gründonnerstag bis Ostersonntag jeweils von 15 bis 18 Uhr geöffnet.