Pöcking Mit großer Geste

Solo fürs einstige Alpentelefon: die Hornisten Rainer Bartesch (l.) und Thomas Jöstlein, Trommler Klaus Jöstlein und Organist Darius Drobisz (r.).

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Musik für zwei Alphörner, Trommel und Orgel in der Kirche St. Pius

Von Reinhard Palmer, Pöcking

Im Grunde ist das Alphorn kein Volksmusikinstrument. Es soll als Kommunikationsmittel in den Bergregionen gedient haben, wohl bis es vom Telefon abgelöst wurde. Dennoch ist das Alphorn längst auch in der - nicht nur alpenländischen - Volksmusik beheimatet. Und es hätte sich mit seinem wunderbaren Klang gewiss in der E-Musik etabliert, wenn ihm bloß alle Töne unseres Systems zur Verfügung stünden. Dem ist aber nicht so, wie Rainer Bartesch, Hornist und Komponist aus Maising, dem Konzert in der Pöckinger Kirche St. Pius vorausschickte. Die Beschränkung auf die Naturtonreihe - die Obertöne eines einzigen Tones -, die das ventillose Alphorn hervorbringen könne, sei eine besondere Herausforderung für ihn als Komponisten, hieß es. Doch offenbar auch eine spannende Aufgabe, der er sich in mehr als 50 Kompositionen bereits stellte.

Neben seinem Begleiter an der Vleugels-Orgel, dem St. Pius-Organisten Darius Drobisz, lud Bartesch einen prominenten Gast ein: Thomas Jöstlein, Solohornist mit deutschen Wurzeln im St. Louis Symphony Orchestra Illinois (USA), ist wie Bartesch auch Komponist. Und scheinbar ebenso ein Freund majestätischer Breite und satter, sinnenfreudiger Klänge.

Die Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 für Orgel solo von Bach eröffnete mit großer Geste. Sie passte im Kontext dadurch ins Bild, jedenfalls in der imposanten Interpretation von Drobisz. Wohl im Hinblick auf den starken Nachhall in der Kirche setzte er das Tempo gemäßigt an, schritt feierlich, majestätisch breit und gewichtig voran. Die Musik blieb dennoch klar strukturiert und wurde um reizvolle Echo-Effekte bereichert. Eine so große Anlage hatte auch Thomas Jöstleins "Alphorn Eclipse" für zwei Alphörner und Trommel - die Klaus Jöstlein übernahm, der zehnjährige Sohn des Gastes. Von der Trommel unterschwellig angetrieben, verbreiteten Fanfaren behutsam rhythmisierte Feierlichkeit.

Überhaupt zeigte sich die Bildung von Atmosphäre als wichtiges Gestaltungselement der Alphornmusik. Vor allem auch in "Breathing No. 1" für Alphorn und Orgel von Bartesch, einer Art Suite über das Erlebnis einer atmenden Berglandschaft. Stille, Vogelgesang, Berge, Eis und Wasser waren Gegenstände der musikalischen Betrachtung, doch weniger auf erzählende Weise, sondern mehr über feinsinnig austarierte Stimmungen.

Hatte Bartesch zuvor in zwei historisierenden Stücken - "Kleines Alphorn-Menuett" und "Touched by Mozart" - die Orgel in die reine Begleitung verwiesen, so bekam sie nun eine die Atmosphäre deutlich mittragende Rolle. Und es waren eben weniger die Themen und Motive, die den Ausdruck prägten, als vielmehr die klanglich sorgfältig ausbalancierten Stimmungen und Farbeffekte. Die Emotionalität hatte Vorrang vor den rhetorisch ausformulierten Aussagen, auch wenn diese stimmig die Expressivität mittrugen.

Während die beiden erwähnten klassischen Stücke von Bartesch mit ihrer thematischen Arbeit die Leichtigkeit mit verdichtenden Dramatisierungen pflegten, stand nun die große Geste im Vordergrund, die in allen sechs Teilen den Eindruck der imposanten Bergkulisse beibehielten. Selbst in der rhythmisierten Leichtigkeit der "Breathing Mountains" oder auch in den monoton flirrenden Passagen von "Breathing Water".

Konkreter wurde es in Barteschs "Meditation" im impressionistischen Stil. Die harmonische Grundlage zeige sich entsprechend reich, doch die klare, kraftvolle melodisch-thematische Linie des Alphorns überraschte eher mit Entschiedenheit und dramaturgischer Erzählung, die erst in der Schlusspassage zur atmosphärischen Klangmalerei zurückfand.

In solcher Klarheit und mit fein sinnierendem Zauber gab Drobisz dazwischen auch zwei Choralvorspiele von Bach, BWV 641 und 639. Kleine Inseln der Kontemplation, die wohltaten. In Hinblick auf die kommende Karwoche schlossen die drei Protagonisten das Konzert in vergleichbarer Gangart: Bachs beliebtes, melodiöses "Jesus bleibet meine Freude" aus der Kantate 147 stimmte nun aber heiter und hielt sich in der plastischen Formung und im Schöngesang mit den gestalterischen Mitteln nicht zurück. Lang anhaltender Applaus der zahlreichen Zuhörer.