Konzert Musik mit Statement

Kontrastprogramm: Pianist Dmitrij Romanov.

(Foto: Georgine Treybal)

Pianist Romanov spielt in Gilching ein ungewöhnliches Programm

Von Reinhard Palmer, Gilching

Wenn Dmitrij Romanov ein Klavierrezital gibt, ist mit einem ungewöhnlichen Programm zu rechnen. Das liegt einerseits daran, dass im Repertoire des aus Moskau stammenden Pianisten die Komponisten seines Heimatlands stark vertreten sind, andererseits daran, dass Romanov selbst Komponist ist. Beides sollte in seinem aktuellen Programm, das er auf Einladung des Kunstforums Gilching in der dortigen Gymnasium-Aula vorstellte, eine Brücke vom 19. zum 21. Jahrhundert schlagen. Die Neugier des Publikums auf selten Gespieltes scheint aber wohl keine vordringliche Eigenschaft der Gilchinger zu sein, blieben doch ungewöhnliche viele Stühle unbesetzt. Dabei hatte Romanov ein publikumswirksames und sinnenfreudiges Repertoire zusammengestellt, das von der russischen Schwermut und Melancholie bestimmt war.

Dass Romanov seine eigene Sonate Nr. 5 von 2016 zwischen Werken von Rachmaninow und Skrjabin vortrug, verwies auf die stilistische Positionierung des 34-Jährigen. Der Bezug zu Rachmaninow war der rückgewandte zur Tradition, während Skrjabin für den Mut stand, neue Wege zu gehen. Die Préludes op. 23/6 und op. 32/5 aus der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts vom damals inzwischen vielgereisten Rachmaninow offenbarten klar den Spätromantiker, von Romanov entsprechend mit opulenten emotionalen Wogen ausgestattet. Aber auch mit feinsinnigen Details bis hin zur impressionistischen Zartheit, wie sie entsprechend substanzieller auch in seiner eigenen Sonate erklingen sollte.

Während bei Rachmaninow die Atmosphäre die Ästhetik der Werke bestimmte, ging es bei Skrjabin in erster Linie um klare Dramaturgie und einen weiten Spannungsbogen, unter dem es auch wild, heterogen und freitonal zuging. Nach einem kraftvollen Ausbruch zu Beginn nahm sich Romanov sogleich weit zurück und tauchte in Seelentiefe ab. Erst allmählich schaukelte sich die Substanz wieder hoch, um weiterhin im fortwährenden Auf und Ab immer wieder orchestrale Fluten zu entfesseln - dann aber wieder in zarte, doch leidenschaftliche Melodik abzutauchen.

Gerade dieses Kontrastprogramm fand sich auch in der Sonate Romanovs, die er (im Gegensatz zur Einsätzigkeit Skrjabins) in zunehmenden Tempi in drei Sätzen gruppierte. Dementsprechend entwickelte er vom Ausdruck her eine Linie, die im Lento nach einer düster-schweren Einleitung mit atmosphärischen Passagen begann, sich impressionistisch im Moderato reich färbte, um im robust-erregten Allegro leidenschaftlich ein großes Finale zu inszenieren. Die gedrückte Atmosphäre der Sonate hat ihren Grund: Romanov verlieht darin seiner Betroffenheit über den Krieg zwischen der Ukraine und Russland Ausdruck, um sich nicht zuletzt klar gegen Putins Regime zu positionieren.

Wehmütig, doch nun ohne Tragik, gab Romanov die einst als geradezu unspielbar geltenden "Sinfonische Etüden" op. 13 von Schumann. Thema und 14 Variationen (fünf aus dem Nachlass) sowie zwei autarken Etüden erfuhren einen fesselnden Vortrag. In diesen komplexen Werken kam der Grübler im Pianisten zum Zuge, der trotz des hochvirtuosen Vortrags seine gewohnt stoische Haltung behielt. Romanov blieb stets ganz im Dienste der Musik, die dadurch aus sich heraus mit feinsinnig differenzierten Emotionen das Publikum erreicht. Und es war schon beeindruckend, mit welcher Vielfalt und Zielsicherheit in der Ausprägung der Variationen Romanov aufwarten und sich dabei auch gänzlich auf sein spieltechnisches Können verlassen konnte. Lang anhaltender Applaus und zwei lyrische Schumann-Zugaben.