Klimawandel-Ignoranz Die Wut des Harald Lesch

Leidenschaftlicher Gastredner im Tutzinger Schloss: Harald Lesch (Mitte) mit den Grünen-Kreisvorsitzenden Kerstin Täubner-Benicke und Bernd Pfitzner.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der Astrophysiker und Moderator kritisiert in Tutzing die Abkehr von Klimazielen bei den Sondierungen in Berlin. Bei manchen Aussagen zur Erderwärmung könnten ihm die "Lynchdrüsen" schwellen.

Von Manuela Warkocz

Mit diesem Gastredner bewiesen die Grünen-Kreisvorsitzenden Kerstin Täubner-Benicke und Bernd Pfitzner ein glückliches Händchen. Der Andrang zum Neujahrsempfang der Grünen mit Harald Lesch im Tutzinger Schloss war am Montagabend enorm. Über 200 angemeldete Zuhörer, darunter viele Nicht-Grüne, wollten im Gartensaal den bekannten Astrophysiker und Moderator der von 1998 bis 2007 ausgestrahlten Wissenschaftsreihe Alpha-Centauri erleben. 20 weiteren Interessenten hatte der Kreisverband am selben Tag absagen müssen. Als Gastgeber begrüßte der Tutzinger Kreisrat und Bürgermeisterkandidat Pfitzner unter anderem die Direktorin der örtlichen Akademie für Politische Bildung, Ursula Münch, und die zum Monatsende scheidende evangelische Pfarrerin Ulrike Wilhelm - großes, bedauerndes "Ohh" des Publikums.

Hausherr Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie, verwies darauf, dass Harald Lesch regelmäßig bei Akademie-Tagungen zu Gast ist und am 15. April in München die Kanzelrede hält. Ob der vielseitige Hochschullehrer, Naturphilosoph und Wissenschaftsjournalist da auch ohne Konzept kommt, wie er kurz vor seinem Auftritt in Tutzing verriet? Und dann über eine Stunde frei, aber druckreif und mit lockerem Witz redet? Unter dem Neujahrsempfangs-Motto "Wie wir leben wollen - Unsere Demokratie" hatte sich Lesch "Gedanken eines irritierten Wählers" zu den Gefahren für eine repräsentative Demokratie gemacht. Die sieht der kleine Mann mit dem grauen Bart in der herrschenden "Immer-weiter-so-Mentalität" in Deutschland. Leidenschaftlich äußerte Lesch sein Unverständnis, dass man sich in Berlin jetzt von den Klimazielen bis 2020 verabschieden will, weil das Wettbewerbsnachteile für die deutsche Industrie bringe. Er redet sich in Rage über die Ökonomisierung: "Wir berechnen alles in Geld, es wird getäuscht und getrickst. Da muss man sich nicht wundern über die Manierenlosigkeit und den Ton in der Gesellschaft."

Ein jahrzehntelanger Konsens sei einer "Mentalität des Generalsverdachts" gewichen, etwa gegenüber Wissenschaftlern, äußerte Lesch, selbst Professor für Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München. Wenn er höre, dass Abgeordnete es gut fänden, wenn das Eis der Arktis schmelze, weil man schnellere Transportrouten gewinne und besser Rohstoffe abbauen könne, "passiert bei mir was Stoffwechselartiges, die Lynchdrüsen schwellen", so der 57-Jährige.

Er wandte sich unter Applaus der Zuhörer gegen die Privatisierung von Wasser- und Energieversorgung, an der nur Investoren verdienten. Deutschland als "reiches Land, nicht nur an Geld, sondern an Persönlichkeiten", könne viel tun, um die "Elefanten"-Themen Klimawandel und Migrationsbewegungen anzugehen. Die Grünen sind für ihn dabei eine "wichtige und richtige Bewegung". Schließlich wünschte Lesch allen "mehr Großzügigkeit und Freude mit sich und anderen. Vielleicht wird 2018 das Jahr des Lächelns".