Kirchenorgel Endlich wieder Hochzeiten mit "Ave Maria"

Die 300 Jahre alte Orgel in St. Nikolaus auf der Ilkahöhe ist zwar historisch wertvoll, aber sie blieb bei Cis, Dis und Fis stumm. Nun ist sie ersetzt worden.

Von Manuela Warkocz, Tutzing

Die Ilkahöhe südlich von Tutzing gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen am Starnberger See - man hat einen fantastischen Rundblick bis zur Zugspitze, das Forsthaus Ilkahöhe lädt zur Einkehr und die Kirche St. Nikolaus krönt die 728 Meter hohe Erhebung.

Das Kirchlein, dessen Ursprung bis ins Mittelalter zurückreicht und das mit gotischen Figuren aufwartet, überrascht Besucher an diesem Pfingstwochenende mit zwei Neuheiten: Die Kuppel des Zwiebelturms ist mit Holzschindeln frisch gedeckt. Und dank der Großzügigkeit einer Tutzinger Familie verfügt das Gotteshaus über eine neue Orgel. Sie wird am Pfingstsonntag um 19 Uhr mit einem Barockkonzert eingeweiht.

Über das neue Instrument dürften sich nicht nur die Brautpaare freuen, die auf der Ilkahöhe heiraten, sondern auch Tutzinger, die zu den Messen an hohen Feiertagen heraufkommen. Denn die vorherige, 300 Jahre alte Schleich-Orgel (siehe Kasten) gilt zwar als historisch interessant und wertvoll, wurde aber vom Klang her als spitz empfunden. Zudem wich sie um einen Halbton nach oben ab und verfügte nur über eine kurze Oktave. Die Töne Cis, Dis, Fis und Gis kamen nicht vor. Darunter litten die singenden Gottesdienstbesucher nicht unerheblich.

Kirchenmusikerin Helene von Rechenberg im Tutzinger Heimatmuseum vor der 300 Jahre alten Orgel.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)
Instrument aus Bachs Zeiten

Was man beim Stöbern auf Dachböden findet: In der Kalle Villa, dem alten Hauptgebäude des Tutzinger Gymnasiums, war Hausmeister Kurt Lorenz 1989 zufällig auf Orgelteile gestoßen. Der erste Direktor des Gymnasiums, Johann Salomon, erinnerte sich, dass das Instrument aus einem Haus vom Ostufer des Starnberger Sees stammte und Ende der 1950er-Jahre als Schenkung dem Realgymnasium übergeben worden war. Orgelbauer Dieter Schingnitz in Iffeldorf nahm die Teile unter die Lupe. Enthüllt wurde eine Sensation: Eine Pergamentinschrift in der Original-Windlade der Orgel wies sie als Werk aus dem Jahr 1720 von Philipp Franz Schleich aus, Mitglied einer Orgelbaudynastie aus Stadtamhof bei Regensburg. Nur noch zwei Schleich-Orgeln sind erhalten. Eine steht im Stadtmuseum Regensburg, die andere in Tutzing. Der damalige Bürgermeister Alfred Leclaire ließ die 300 Jahre alte Orgel restaurieren, fasziniert von der Vorstellung, dass sie zur gleichen Zeit entstand, in der Johann Sebastian Bach seine "Brandenburgischen Konzerte" komponierte. Die Schleich-Orgel wurde auf der Ilkahöhe eingebaut - und für 100 000 Mark versichert.

"Heute ist sie unbezahlbar", machte Orgelfachmann Schingnitz am Mittwoch im Tutzinger Haupt- und Finanzausschuss klar. Denn nachdem eine Stifter-Familie jetzt die neue Heiß-Orgel für die Ilkahöhe spendiert hat, musste die historische Schleich-Orgel weichen. Sie steht derzeit im Ortsmuseum - durchaus gut, wie Kirchenmusikerin Helene von Rechenberg findet. Sie appellierte am Mittwoch an die Gemeinde, die Orgel unbedingt zu behalten, "sie ist ein Zeitzeugnis". Es wurde aber deutlich, dass die "Königin der Instrumente" im kleinen Heimatmuseum als zu raumgreifend und fehl am Platz gesehen wird. Am liebsten würde man sie im klammen Tutzing wohl zu Geld machen. Anfreunden können sich die Ausschussmitglieder mit Schingnitz' Vorschlag, das gute Stück dem Orgel-Museum in Kehlheim als Dauerleihgabe zu überlassen. Entschieden ist noch nichts. manu

Aber auch für Helene von Rechenberg, die seit 2009 als Tutzinger Kirchenmusikerin sehr aktiv ist und eine internationale Orgelmusikreihe gründete, brachte das Einschränkungen im Repertoire - "Ich konnte bei Hochzeiten kein Ave Maria spielen" - und im Zusammenspiel mit anderen Musikern. Sie mussten immer transponieren.

Die 43-jährige Organistin spricht nun von "einer Riesenfreude" über die Heiß-Orgel, benannt nach dem jungen Orgelbaumeister Stefan Heiß aus Vöhringen in Schwaben. Der Klang sei "raumfüllend, sehr befriedigend", die Orgel einsetzbar für verschiedene Stilrichtungen. Seit Mitte April wurde das Instrument, das fünf Register hat, in St. Nikolaus aufgebaut. Nachdem sich die Orgel an die Luftfeuchtigkeit auf der Ilkahöhe gewöhnt hatte, wurde sie in den vergangenen Tagen intoniert.

Tutzings Kirchenpfleger Alfons Mühleck ist dankbar, dass St. Nikolaus nach der Generalsanierung 2004 "neuen Glanz innen und außen" bekommen hat. Über die Stifter-Familie der neuen Orgel bewahrt er ebenso Stillschweigen wie über die Kaufsumme. Die Gönner hätten um Anonymität gebeten. Nur soviel: "Das sind Musikliebhaber, die möchten, dass Menschen sich an schönem Klang erfreuen." Deutlicher wird Mühleck bei den Sanierungskosten der Turmhaube. 50 000 Euro verschlangen das Dach und der Turmanstrich. Etwa 60 Prozent übernimmt die Diözese Augsburg. Das Baugerüst konnte gerade noch rechtzeitig vor der Orgeleinweihung abgebaut werden.

Letzte Handgriffe am neuen Instrument: Orgelbaumeister Stefan Heiß aus Vöhringen (l.) und Kirchenpfleger Alfons Mühleck.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Kirche auf der Ilkahöhe gehört zur Tutzinger Pfarrgemeinde St. Joseph. Pfarrer Peter Brummer weiht die neue Orgel diesen Sonntag. Was in ihr steckt, zeigt Organistin Helene von Rechenberg im Einweihungskonzert mit Eva Maria Röll (Barockgeige) und Agnès Blanche Marc (Flöten). Sie spielen Barockwerke von Corelli, Teleman und Couperin. Für die etwa 95 Sitzplätze in St. Nikolaus gibt es noch einige Platzkarten in der Buchhandlung Held. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.