Kandidatin für den Tassilo 2018 Zeitreise für alle

Durchleuchtet Gilchings Geschichte: Museumsleiterin Annette Reindel an ihrer Wirkungsstätte.

(Foto: Nila Thiel)
  • Annette Reindel wurde mit dem Tassilo-Förderpreis ausgezeichnet.
  • Der Preis ist mit 500 Euro dotiert.
Von Patrizia Steipe, Gilching

Annette Reindel hat eine Vision: Auf den Rundwegen der "Via Zeitreise" quer durch Gilching und Umgebung bleiben die Besucher an den verschiedenen Stationen stehen. Für das normale Auge sind Hügelgrab, Keltenschanze und die unter der Erde liegenden Bodendenkmale kaum oder nicht sichtbar. Aber dank "Virtual Reality" entstehen plötzlich deutlich sichtbare virtuelle Gebäude und Szenen aus längst vergangenen Epochen.

"Technisch ist das heute kein Problem", sagt die Gilchingerin. Man müsse sich nur die Technik leisten können, seufzt die Museumsleiterin, die diesen Posten übrigens erst seit kurzem hat. Im März feiert das Ortsmuseum sein einjähriges Bestehen. Dass es diese Einrichtung überhaupt gibt, ist Annette Reindel und den Mitgliedern des Vereins Zeitreise Gilching (gegründet ursprünglich als Gesellschaft für Archäologie und Ortsgeschichte), zu verdanken.

Der Beginn einer mühsamen Zeit

Normalerweise dauert es viele Jahre, bis aus der Idee, ein Museum einzurichten, auch Realität werden kann. In Gilching ist das Kunststück innerhalb von fünf Jahren gelungen, und das lag an den engagierten Mitgliedern des Vereins.

Die Initialzündung für das Projekt gaben die von Reindel liebevoll "die Kiltis" genannten drei Skelette mit ihren Grabbeigaben aus der Bajuwarenzeit. Sie waren bei Bauarbeiten im Ort gefunden worden. "Wir wollten die Funde der Öffentlichkeit zeigen", erinnert sich Annette Reindel an die Anfänge.

Es begann eine mühsame Zeit. Ein Konzept musste entwickelt und viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, die Initiatoren suchten zugleich Geldgeber, Sponsoren und natürlich auch einen geeigneten Platz, um ihre Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Am Ende kam die Gemeinde Gilching dem Verein zu Hilfe und stellte endlich Räume im gemeindeeigenem "Werson-Haus" zur Verfügung gestellt. Die Mäzenin des belgischstämmigen Künstlers Jules Werson, die wohlhabende Münchnerin Marie Lindemann, hatte die Villa im März 1919 gekauft. Wersons ehemaliges Wohnhaus war im vergangenen Jahr auch Thema der ersten Zeitreise-Sonderausstellung.

Wo eine Zeitreise möglich wird

Herzstück des Museums ist die Dauerausstellung "SchichtWerk" mit dem Römer- und dem Bajuwarenzimmer, die mit viel Eigenarbeit und pfiffigen Ideen in einen Erlebnisort für alle Sinne umgestaltet worden sind. "Wir können hier in jede Zeit reisen", erklärt Museumsleiterin Annette Reindel. Ein aus originaler Erde gestalteter Querschnitt der Römerstraße mit ihren Schichten aus verschiedenen Jahrhunderten veranschaulicht diese Zeitreise der besonderen Art.

Thematischer Schwerpunkt des Museums ist der Übergang von der spätrömischen zur bajuwarischen Besiedelung. Dieses für die Geschichte Bayerns wichtige Thema stellt laut der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern im "SchichtWerk" ein "museales Alleinstellungsmerkmal" dar.

Am Beispiel der verschiedenen Schichten der Römerstraße soll den Besuchern vermittelt werden, dass alles irgendwie miteinander in Verbindung stehe und aufeinander aufbaue, so Reindel. Wer nun denkt, lediglich ein paar Vitrinen mit Exponaten im Gilchinger Museum vorzufinden, täuscht sich aber gewaltig.

Angesichts der begrenzten Anzahl an Originalfundstücken haben die Vereinsmitglieder die Lücken mit Repliken, mit Modellen, Rekonstruktionen "und mit viel Technik" gefüllt. Highlights der Ausstellung sind die restaurierten Grabbeigaben des "Kilti", der römische Meilenstein mit Innenleben, die römische Öllampe zum Anfassen, die Caligula-Münze unter der Lupe und ein altes Messinstrument, eine Groma, zum Testen. Es gibt viel zum Anfassen und Auszuprobieren, kleine Schubladen können aufgezogen werden, wer möchte, kann versuchen, mit einem nachgebauten römischen Schlüssel die damalige Technik von Schlüssel und Schloss zu ergründen. Vor allem aber gibt es viele Geschichten in diesem "SchichtWerk".

Hörstationen können beispielsweise über QR-Code mit dem Handy abgerufen werden. Sie befinden sich nicht nur im Gilchinger Museum. Die archäologischen Stätten, an denen Grabungsfunde gemacht worden waren, aber auch geologisch interessante Orte, hat der Verein in ausgeschilderten Rundwegen zugänglich gemacht. "Via Zeitreise" heißen die Touren, die zwischen zehn und 15 Kilometer lang sind.

Die nächste Sonderausstellung steht schon fest. Der Verein möchte an einen weiteren Zeitzeugen der Römerstraße erinnern, nämlich an den Lenzbräu. Derzeit sammeln die Mitglieder alte Fotos, Bierdeckel und alles andere, was mit der Braugaststätte zusammenhängt. Und dann ist noch eine neue Route für die "Via Zeitreise" geplant, die "Grüne". Sie soll innerorts verlaufen.