Juliane Banse Musikalisches Multitalent

Die Sängerin Juliane Banse lebt in Dießen und hat es geschafft, ihre berufliche Karriere mit der Rolle als dreifache Mutter zu verbinden.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Sopranistin lernte zunächst Geige spielen und stand kurz vor einer Karriere als Ballettänzerin: "Das Singen kam mir irgendwie so dazwischen", sagt die Dießenerin heute

Von Reinhard Palmer, Tutzing /Dießen

Sie brillierte als Mozarts Pamina, als Figaro-Gräfin, Fiordiligi und Donna Elvira, Schumanns Genoveva, Tschaikowskis Tatjana, Strauss' Arabella, Schrekers Grete, Beethovens Leonore. Alles junge Frauen, die eine gewisse mädchenhafte Leichtigkeit auszustrahlen haben. "Immer Sympathieträger", sagt Juliane Banse. Selbst wenn die Sopranistin heute - altersgemäß und der eigenen Lebenserfahrung entsprechend - zu den Rollen starker, reiferer Frauen tendiert fällt es nicht schwer, sie sich in den jugendlichen Rollen vorzustellen. Denn nicht nur ihre Leichtigkeit hat sie sich bis heute bewahrt, sondern auch ihr strahlend-gewinnendes Lächeln sowie die geschmeidige Beweglichkeit einer Balletttänzerin.

Der Tanz, den sie neben dem Violinspiel vom fünften Lebensjahr an erlernte, war und ist denn auch ihre große Leidenschaft, und hätte eigentlich zum Beruf werden sollen. "Das Singen kam mir irgendwie so dazwischen", erklärt sie die Wendung. In Zürich, wo sie aufwuchs, war sie in der Ballett-Abschlussklasse bereits Einspringer an der Oper. Da nahm sie nebenbei schon Gesangsunterricht, nachdem ihre Stimme beim Chorsingen vorteilhaft aufgefallen war. Dennoch war klar: "Da ist etwas, was man nicht ignorieren kann." Dann entwickelte sich ihre Stimme außergewöhnlich schnell. Ihr professioneller Schliff folgte bald in München bei Kammersängerin Brigitte Fassbaender und bei Daphne Evangelatos, die Banse im Alter von zarten 20 Jahren zum Operndebüt führte: gleich als Pamina in der Zauberflöte, zudem an der Komischen Oper Berlin.

Ein Paukenschlag, dem geradezu ein Wirbel folgen sollte. Sie sang unter Lorin Maazel, Riccardo Chailly, Bernard Haitink, Mariss Jansons, Zubin Mehta und anderen großen Meistern des Schlagstocks. Den Ausschlag, sich für den Gesang zu entscheiden, gab letztendlich der Umstand, dass Fassbaender ihr davon nicht ausdrücklich abriet. Offenbar traute die Kammersängerin der Kandidatin zu, sich in dieser harten Profession zu behaupten. "Das gab mir schon zu denken", gesteht Banse, der endgültigen Entscheidung ging ein zähes Ringen mit sich selbst voraus.

Der Erfolg aber sollte ihr bald Recht geben. Sie bereue die Entscheidung nicht, doch "es ist jetzt noch so, dass mir das Tanzen fehlt. Ich habe immer gehofft, dass ein Regisseur oder Choreograph auf eine geniale Idee kommt, das irgendwie zu vereinbaren", sagt sie, "aber das kam nie". So blieb Ballett ein intensives Hobby, aber auch eine Stütze fürs Agieren auf der Bühne. Aus der Tanzerfahrung schöpft sie zudem die Gewandtheit, mit Choreographien umzugehen.

Strukturiertheit und Ordnung hatte sich Banse mit Schule, Geige und Ballett schon in der frühen Kindheit aneignen müssen. So konnte sie sich auch neben der Bühnenkarriere den Wunsch nach einer Familie erfüllen. "Ich wusste immer, dass ich trotzdem "normal" leben wollte", sagt Banse. Wenn auch unter etwas erschwerten Bedingungen, ist doch ihr Mann, der Dirigent, Hochschulprofessor und Geiger Christoph Poppen ebenfalls oft irgendwo in der Welt unterwegs. Ihre zwei Söhne sind heute 15 und 13 Jahre alt, mit fünf Jahren ist die Tochter das Nesthäkchen. "Auch das ist ein Generationenschnitt, der da vollzogen wurde", konstatiert Banse. Gesellschaftlich sei es heute bereits anerkannt, Familie und berufliche Karriere miteinander zu vereinbaren. "Ich lebe mit meinem Talent, setze da viel Energie und Kraft rein, aber finde trotzdem, dass ich auch ein Anrecht auf ein Privatleben habe", so ihre Position, die sie in ihrer Generation bereits etabliert sieht. Dass dies in der Praxis nicht wirklich ein Kinderspiel war und ist, ändert nichts an ihrer Einstellung: "Es ist ein absolutes Privileg, so ein Problem zu haben". Die Familie sei ihre Erdung und der Ort, an dem sie ihre Energie tanke.

Neben Brigitte Fassbaender, der sie bis heute eng verbunden blieb, gab es eine weitere Persönlichkeit, die Banse entscheidend prägte: der Regisseur Harry Kupfer. Er führte sie zum erfolgreichen Operndebüt. "Das war die beste Schule, die ich mir hätte wünschen können", sagt sie. Er habe sie trotz ihrer Jugend und Unerfahrenheit als Vollprofi behandelt. Von Kupfer lernte sie, an einer Rolle zu arbeiten. "Davon zehre ich bis heute", schwärmt sie. Diese Zauberflöte war auch ihr Sprungbrett, das ihr erlaubte, sich dem sportlichen Wettkampf zu entziehen. Ein paar kleine Wettbewerbe hat sie gewonnen. Den großen blieb sie aber fern. "Ich habe immer gekniffen", gesteht sie, denn dafür fehlten ihr die Nerven.

Dennoch sang Banse schon bald die Sophie im Rosenkavalier an der Wiener Staatsoper - ein frühes Highlight in ihrer Laufbahn, das nicht so leicht zu überbieten war. Höchstens vielleicht vom Debüt an der Met. Den Ehrgeiz, an den berühmtesten Opernhäusern gesungen zu haben, hat sie allerdings nicht. Gute Produktionen habe es schon immer auch an weniger bedeutenden Häusern gegeben. Andere Aspekte seien ihr ohnehin wichtiger: "Die Uraufführung der Oper von Heinz Holliger war sicherlich etwas vom Schwersten, aber auch vom Aufregendsten, was ich je gemacht habe." Eine besondere Erfahrung war auch die Freischütz-Verfilmung: "Weil viele Einschränkungen, die man auf der Bühne hat, im Film wegfallen".

Banse ist auch in anderen Gattungen zu Hause. Von Anfang an gehörten Oratorium, Konzert- und Liedgesang fest zu ihrem Repertoire. "Ich habe für mich immer gefunden, dass sich die Dinge gegenseitig positiv beeinflussen. Die vielen Nuancen und Farben, die man im Lied bringen kann, sind in der Oper nicht immer gefragt." Beim Liederabend an diesem Sonntag im Rahmen der Tutzinger Brahmstage (18 Uhr, Evangelische Akademie) ist das ganze Spektrum unbedingt zu erwarten. Ihr Partner dort ist der Brasilianer Marcelo Amaral, der seit mehr als zehn Jahren zu ihren Begleitpianisten gehört. "Die Veranstalter haben bei mir offene Türen eingerannt: Ich liebe Brahms", schwärmt Banse. Und Liedgesang liege ihr besonders am Herzen, erst recht, seitdem große Veranstalter immer mehr davon Abstand nehmen. "Es ist oft so, dass gerade die kleinen Unabhängigen, die wirklich um jede verkaufte Eintrittskarte kämpfen müssen, immer noch die Innovativsten sind", sagt Banse und setzt nach: "Da könnten sie ruhig etwas Rückendeckung von den Größeren kriegen."