Interview "Doppelt so teuer wie der Schlachthof"

Auf dem Konradhof in Unering stehen Tierwohl und Fleischqualität im Mittelpunkt. Das hat seinen Preis. Ein Gespräch mit Landwirt Stefan Dellinger über Lohn-Dumping und Profitgier

Interview von Armin Greune, Unering

Der Konradhof in Unering hat sich als Direktvermarkter mit Fleisch aus artgerechter Haltung etabliert. Schon lange vor den jüngsten Tierquälerei-Skandalen hatte Betriebsleiter Stefan Dellinger erkannt, dass Tierwohl und Fleischqualität auch von den Schlachtbedingungen abhängen: 2010 ließ der studierte Landwirt ein eigenes Schlachthaus am Hof bauen. Inzwischen hat er 20 Mitarbeiter fest angestellt - Landwirte, Metzger und Verkäufer. Im Gespräch mit der SZ erklärt Dellinger, wie er versucht, die Haltung seiner Tiere weiter zu verbessern und wo er noch Handlungsbedarf sieht.

SZ: Nach der Schließung des Schlachthofs in Fürstenfeldbruck suchen auch viele Landwirte im Fünfseenland nach Alternativen. Hätten Sie noch Kapazitäten?

Stefan Dellinger: Ja, unser Schlachthaus ist noch nicht voll ausgelastet und ich habe auch zwei Anfragen von Kollegen erhalten. Allerdings waren wir denen offenbar zu teuer.

SZ: Wie groß wäre denn der Preisunterschied?

Ich müsste mehr als doppelt so viel für das Schlachten eines Schweins verlangen wie der Betrieb in Fürstenfeldbruck. Wenn ich vernünftig und behutsam mit den Tieren umgehen will, geht das nicht unter Zeitdruck und ich brauche gute Leute. Lohnschlachten zu Dumping-Preisen kann ich nicht machen, damit würde ich auch die gesamte Existenz meines eigenen Betriebs aufs Spiel setzen.

Landwirt Stefan Dellinger verkauft das Fleisch und die Wurst im Hofladen.

(Foto: Georgine Treybal)

Bauern und Metzger müssen knapp kalkulieren, um auf dem Markt bestehen zu können. Wie stark wirken sich da die Schlachtkosten aus?

Um den Mehrpreis für Schlachten bei mir zu kompensieren, müsste man beim Endpreis etwa 50 Cent mehr pro Kilo erwirtschaften. Da tu' ich mich natürlich leicter, weil ich am Hof, im Laden in München und auf elf Wochenmärkten direkt vermarkte.

Ihre Mastschweine leben auf dem Hof drei Monate in Freilandhaltung, kommen aber zuvor von konventionellen Züchtern. Sie hatten ja auch überlegt, die Aufzucht selbst zu übernehmen...

Schon, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Ich bräuchte dazu noch drei weitere Ställe, da reicht mir die Fläche nicht. Ich habe jetzt eine Züchterin bei Augsburg gefunden, die mir Ferkel verkauft, die besser fürs Freiland geeignet sind. Diese Kreuzungen aus Duroc, Deutscher Landrasse und Pietrain sind athletisch gebaut, haben stabile Füße und sind nicht so empfindlich gegen Sonnenbrand.

Mit den Puten hatten sie noch mehr Probleme, weil drei Zuchtfirmen den Weltmarkt mit Hybridputen kontrollieren. Die sind so überzüchtet, dass sie nach 18 Wochen geschlachtet werden müssen, da sie sich dann wegen des vielen Brustfleisches kaum noch bewegen können.

Die Mastschweine leben auf dem Hof drei Monate in Freilandhaltung.

(Foto: Georgine Treybal)

Vom Gedanken, selbst Putenküken aufzuziehen, sind wir wegen der damit verbundenen Impfpflicht wieder abgekommen. Aber letztes Jahr haben wir 500 sechs Wochen alte Bronzeputen aus Frankreich bezogen. Diese alte, winterharte Haustierrasse kann auch problemlos ein Jahr alt werden, die letzten haben wir gerade geschlachtet. Ihr Fleisch ist dunkler und etwas fester, aber besonders schmackhaft.

Und wie sieht es mit der Umstellung der Bullenmast auf Weidehaltung aus?

Wir planen gerade einen neuen Stall mit Freilauffläche. Ich bin noch nicht so weit, sie auf die Weide zu lassen, aber ich behalte das als Ziel im Auge. Meine Leute sind gerade genug damit beschäftigt, 30 Hektar Land für die Schafe einzuzäunen.

Wo werden die gehalten?

2014 konnten wir die Zirngibl-Halle in Aschering erwerben und ausgedehnte Weideflächen dazu pachten. Dort leben jetzt unsere Gänse, Enten und 250 Schafe, darunter 200 Muttertiere. Wir haben eine bunte Mischung von Kreuzungen, weil wir es mit ganz verschiedenen Rassen wie Schwarzkopfschafe, Coburger Füchse, Berg- und Texelschafe ausprobiert haben.

Landwirt Stefan Dellinger hält seine Tiere artgerecht.

(Foto: Georgine Treybal)

Die neueste und auffälligste Erscheinung auf dem Hof sind aber die vier Alpakas. Werden die auch geschlachtet?

Nein, die sind als Schmusetiere und zur optischen Bereicherung des Hofs da. Dazu hatten wir sie auch gekauft, aber dann haben wir sie auf Anfrage für zwei, drei Jahre lang der Stadt München überlassen.

Was haben die denn damit gemacht?

Die Tiere gehörten zum Streichelzoo, der an der Bayernkaserne für die Flüchtlingskinder eingerichtet war. Seit Februar sind die Alpakas jetzt wieder in Unering.