Inning Strom aus der Straße

Wenn es nach Donald Müller-Judex geht, sollen Autos bald über Solarfliesen aus Glas statt über Asphalt rollen. Für diese Idee hat der Ingenieur aus Inning gerade den Next-Economy-Award erhalten

Von Otto Fritscher, Inning

Wenn Donald Müller-Judex seine Idee erklären will, dann nimmt er ein zusammengerolltes Stück Papier in die Hand und breitet es langsam aus. "Wie ein Rollrasen verlegt wird, so kann man auch meine Solarfliesen auf einer Straße verlegen", erklärt der Inninger dann den meist erstaunten Zuhörern. Und als Beweis, dass dies nicht nur irgendeine gspinnerte Idee ist, zückt der Ingenieur eine Glasscheibe. In diese Fliese sind Rillen, Riffeln und Noppen eingeprägt. Denn auf dieser Oberfläche sollen künftig Autos fahren, genauso sicher wie auf Asphalt. Der Clou: Unter dem Glas sind miteinander verbundene Photovoltaik-Zellen verklebt. Alle diese Solarfliesen sind über ein spezielles Gewebe miteinander verbunden. Es entsteht ein flexibler Teppich, und dieser wird mit dem bestehenden Straßenbelag verklebt.

Autofahren auf einer Glasstraße, die auch noch Strom produziert? Klingt wie Zukunftsmusik, und das ist es wohl auch noch. Vergangene Woche ist "Solmove", so heißt die von Müller-Judex gegründete Firma, mit dem mit 25 000 Euro dotierten "Next Economy Award" ausgezeichnet worden. Ein renommierter Preis, der für Technologien vergeben wird, die sich vielleicht nicht sofort umsetzen lassen, aber nachhaltig Umweltprobleme lösen sollen.

Um die Technologie bis zur Alltagstauglichkeit zu entwickeln, hat sich Müller-Judex angesehene Partner gesucht, etwa zwei Fraunhofer-Institute und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule RWTH in Aachen. Das Fliesenmuster hat eine Spezialglas-Manufaktur im Bayerischen Wald produziert. "Allein der Stempel, mit dem das Muster ins Glas gebracht wird, hat 16 000 Euro gekostet", sagt der 54-Jährige. Und es werden wohl noch etliche neue Versionen dazukommen, denn im praktischen Versuch wird das Oberflächenprofil immer wieder verändert werden. Die Solarfliesen müssen schließlich einiges aushalten, sie müssen rutschfest und bruchsicher sein, sollen sich selbst reinigen, Schall absorbieren und durch möglichst wenig Abrieb lange halten. Und der Clou: Durch induktives Laden könnten E-Mobile während der Fahrt oder auch beim Parken am Straßenrand mit Strom versorgt werden. Die Solarfliesen produzieren etwa 100 Watt pro Quadratmeter, also zirka 100 Kilowattstunden pro Jahr. "Mit einem Kilometer Landstraße könnte man zirka 150 Haushalte mit Strom versorgen", sagt der Inninger. Wie ist Müller-Judex auf die Idee von der Straße, die Strom produziert, gekommen? "Ich bin durchs Allgäu gefahren und habe ein freies Dach gesucht, weil ich da als Geldanlage eine Photovoltaik-Anlage installieren wollte. Aber es gab kein freies, weil quasi auf jeder Scheune schon eine Solaranlage ist. Da bin ich drei Tage lang herumgefahren, bis ich die Idee hatte: Warum nicht Solarzellen als Straßenbelag?" Das Tüftlen begann.

Am schwierigsten sei es, Finanziers, also Business Angels oder Wagniskapitalgeber, zu finden. Etwa 250 000 Euro hat Müller-Judex bislang in seine Solarstraße investiert. Wenn es um die Realisierung der fest vereinbarten Teststrecken in Erftstadt bei Köln, in China, in Südkorea und in den USA geht, sind allerdings weit größere Summen im Spiel, die vom Partner vor Ort aufgebracht werden. "Nächstes Jahr wird die Teststrecke in Erftstadt fertig werden", ist Müller-Judex überzeugt. Warum ausgerechnet Erftstadt? Die Gemeinde hat Fördermittel bekommen, weil sie einen solaren Radweg bauen will.

Müller-Judex ist nicht der einzige, der an der Idee vom Strom aus der Straße tüftelt. In Holland gibt es bereits ein kurzes Stück Fahrradweg, dessen Oberfläche allerdings aus großen, nicht flexiblen Glasplatten besteht; und auch in Frankreich und in den USA laufen Forschungsprojekte, um die Straßen zu elektrifizieren. Dennoch ist der Inninger vom Erfolg seiner Idee überzeugt. "Das Straßennetz in Deutschland, ohne die Autobahnen, würde ausreichen, um 20 Millionen Elektroautos mit Strom zu versorgen", hat er ausgerechnet. Und das während der Fahrt, womit das leidige Reichweitenproblem der Elektroautos gelöst wäre.

Bruchsicher, rutsch- und abriebfest müssen die Solarfliesen sein, an denen der Inninger Ingenieur Donald Müller-Judex arbeitet.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Müller-Judex ist gelernter Maschinenbauer, hat dann ein Ingenieurs-Studium absolviert. Viele Jahre hat er danach bei deutschen Fernsehsendern als Kameramann und Redakteur gearbeitet, bevor er sich mit seiner ersten Firma selbständig machte. Die Geschäftsidee: Bezahlen mit dem Handy, aber dafür war die Zeit noch nicht reif - und die Banken mauerten.

Was macht der Ingenieur, wenn er sich nicht mit Solarstraßen beschäftigt? "Ich drehe immer noch gern Filme", sagt er und führt einige witzige Beispiele vor. Etwa, wie er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den Inninger Kreisverkehr mit den Köpfen von Thomas Gottschalk, der mal in Inning gewohnt hatte, und Georg Baselitz, der in Buch sein Anwesen hat, verschönert hat. Leider fand die Aktion keinen Gefallen, die Büsten waren nach wenigen Stunden wieder weg. "Macht nichts", sagt Müller-Judex und lacht. "Ich habe noch viele Ideen", und dabei muss es sich offensichtlich nicht immer um Technologie handeln.