Gräfelfing Ein eigenes Bild von der Welt

Die "Schule der Phantasie" besteht seit 25 Jahren und will das kreative Talent von Kindern und Jugendlichen fördern

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Das Zepter für die Geisterkönigin ist stattlich geworden: ein Holzstock, bunt bemalt, mit Bast umwickelt. "Muss ich das auch so machen?", fragt ein Mädchen, die das Zepter begutachtet. "Keiner muss, es ist nur ein Angebot", antwortet Lilli Plodeck. Mit diesem Satz hat sie den Kern der Philosophie der Schule der Phantasie beschrieben: Keiner muss, aber jeder kann. Jeder kann kreativ sein, etwas gestalten und dabei seine eigene Ausdrucksform finden. Und wenn es kein bunt bemaltes Zepter ist, dann eben etwas anderes. Seit 25 Jahren fordert die Jugendkunstschule in Gräfelfing den schöpferischen Geist von Kindern und Jugendlichen. Und jetzt, zum Jubiläum, gibt es ein Geschenk, das für Lilli Plodeck nicht größer sein könnte: Im Rahmen eines Modellprojektes des Kultusministeriums wird das kreative Arbeiten vom nächstem Schuljahr an fest in den Lehrplan der Gräfelfinger Grundschule integriert. Diese darf sich nun, einzig in Oberbayern, Kunstgrundschule nennen. Die "Schule der Phantasie" ist Kooperationspartner und leitet die künstlerische Arbeit.

Die Ergebnisse des Bastelns von Masken präsentieren die Leiterinnen der Schule der Phantasie, Ulli Görg (Mitte) und Lilli Plodeck, mit einem kleinen Künstler.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Lilli Plodeck kann es selbst kaum fassen, welch "wunderbarer Bogen" sich da spannt - von dem Moment an, als die Schule der Phantasie 1990 in Gräfelfing gegründet wurde und der Kunstunterricht noch ein stiefmütterliches Dasein fristete bis heute, da die ästhetische Erziehung in den Grundschulunterricht integriert wird. Als der Münchner Kunstpädagoge Rudolf Seitz vor 25 Jahren das Konzept entwickelte, hatte der reguläre Kunstunterricht wenig mit Kreativität zu tun: Alle Kinder mussten Schneemänner aus geknülltem Krepppapier kleben oder aus getrockneten Blättern Herbstbäume gestalten. Am Ende sah dann alles gleich aus. Lilli Plodeck, damals selbst an der Münchner Akademie tätig, war im Gründungsteam mit Seitz aktiv. Sie hat 1990 die Gräfelfinger Schule mit ins Leben gerufen. Damals gab es nur einen Leiterwagen für das Material, im Handarbeitsraum der Schule durfte Plodeck am Nachmittag Kinder- und Jugendkunstkurse anbieten. "Aber wir durften keinen Klecks hinterlassen", erinnert sie sich. Was für eine Herausforderung, denn: Kleckse hinterlassen, befreit von Zwängen arbeiten, im Material versinken, das ist es ja gerade, was die Schule der Phantasie fördern möchte.

Unabdingbares Werkzeug für die Schule der Phantasie: der Pinsel.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein Vierteljahrhundert später hat die Schule, die inzwischen eine gemeinnützige GmbH ist, unter dem Dach des Landesverbandes der Jugendkunstschulen firmiert und von der Gemeinde finanziell unterstützt wird, eigene Räume im Souterrain der Grundschule in Gräfelfing. Es gibt Staffeleien für alle Kinder, eine Radierpresse, einen Brennofen. Was andere wegwerfen, wird hier zum kreativen Material: Schaschlikspieße, die als Malgeräte dienen, umgestaltete und ausrangierte Amtsstempel sind Druckwerkzeuge, in Milchtüten werden Radierungen geritzt. Es wird gemalt, gedruckt, geklebt, gefilmt, gestempelt, radiert, Geräusche werden aufgezeichnet und gesammelt - es stehen die Prozesse im Mittelpunkt, nicht die Ergebnisse. Und manches ist einfach eine Erfahrung, zum Beispiel die Tortenbödenporträts. Dabei hält sich jedes Kind mit einer Hand einen Papp-Tortenboden vors Gesicht und malt mit dickem Pinsel blind mit der anderen Hand Gesicht, Auge, Nase, Mund auf - es geht um Selbstwahrnehmung. Der Zufall ist Gestaltungselement. Und wer merkt, gestalten zu können, entwickelt sein Selbstbewusstsein, erklärt Ulli Görg, die mit Plodeck die Schule führt. Jetzt steigt die Schule vom Souterrain nach oben auf und wird Teil des regulären Unterrichts. Vom Modellprojekt wünschen sich beide Künstlerinnen, "dass es ausstrahlt auf Bayern" - und dass das Bewusstsein dafür wächst.