Goaßbockfest in Bachhausen Der Kleinste ist der Größte

Zwergziegenbock Xaver gewinnt bei einem tierischen Wettstreit in dem Berger Ortsteil den Titel "Bock des Jahres". Seine Besitzer haben ihn zur Hochzeit geschenkt bekommen.

Von Astrid Becker, Bachhausen

Bei 20 Kindern habe sie zu zählen aufgehört. Sagt Petra Wernetshammer. Natürlich spricht die Bachhausenerin weder von sich noch von ihrem Mann Andreas. Vielmehr charakterisiert sie mit diesen Worten die spezielle Leistungsfähigkeit ihres "Xaver", eines Afrikanischen Zwergziegenbocks, der sich nun mit dem Titel "Bock des Jahres" schmücken darf - was erst einmal schräg klingt. Zumindest für diejenigen, die nicht mit den Gepflogenheiten des Berger Ortsteils vertraut sind. Oder besser gesagt: Der gesamten Region. Denn das, was sich am Samstag in der vielleicht 900 Einwohner zählenden Ortschaft Bachhausen abspielt, dürfte wohl recht einzigartig in Bayern sein. Wenn nicht sogar im ganzen Land.

"Goaßbockfest" heißt dieses spezielle Ereignis, das in dem kleinen Dorf längst Tradition hat. 1979 hatten ein paar "Wuide", wie sie damals dort genannt wurden, aus einer Bierlaune heraus die Idee dazu entwickelt und sogar einen Verein dafür gegründet: den Goaßbockverein. Einer der Mitbegründer war Benedikt Demmler, der lange Jahre im Vorstand saß und nun, nach dem letztmaligen Fest 2014, zusammen mit seinen Mitstreitern die Führung des Vereins an die jüngere Generation übergeben hatte. Diese richtete das Fest an diesem Samstag also zum ersten Mal aus - als Vorsitzende Demmlers Kinder Bernadette und Benedikt sowie Maxi Huber. Auch diese Drei halten an der Tradition fest. Das heißt: Das Spektakel beginnt zunächst am Nachmittag mit einem Festzug. Angeführt wird er wie seit jeher von der Lüßbacher Blaskapelle. Ihr folgen einige Wagen, prächtig mit Blumen geschmückt, von Kindern umringt, von Ziegen und Schafen gezogen. Fröhlich und ausgelassen geht es zu. Und für einen kurzen Moment sogar ein wenig feierlich, just dann, als die Bayernfahne gehisst wird und die Blaskapelle die Bayernhymne spielt. Fahnenträger ist übrigens keine Geringerer als Landrat Karl Roth, der sich das Ganze nicht entgehen lassen wollte und auch ein Grußwort zu diesem "einzigartigen Ereignis und Aushängeschild, das nicht jeder Landkreis hat", wie er sagt, spricht. Allerdings: Die Hauptattraktion an diesem Tage ist er nicht.

Das sind all die Vierbeiner, die sich auf dem idyllischen Festplatz direkt am mäandernden Lüßbach tummeln. Und eines steht da schnell fest: "Diesmal ist es richtig schwierig, einen Favoriten für den Titel auszumachen", sagt etwa Bergs Bürgermeister Rupert Monn, der selbst einen Zwergziegenbock sein Eigen nennt, den er aber diesmal nicht mitgebracht hat. "Der hatte vor kurzem Haarlinge, ich wollt' ja nix einschleppen." Also muss es an diesem Tag ohne seinen Bock gehen.

Was aber keinen Abbruch tut: Immerhin treten 17 Böcke gegeneinander an, beziehungsweise deren Besitzer. Und zu gewinnen gibt es bei diesem kuriosen Wettbewerb nicht nur einen Wanderpokal und den Titel, sondern auch diverse lebende Tiere, einen Deutschen Riesen, also einen Hasen, zwei altsteirische Hühner und natürlich einen "Goaßbock", der im März geboren wurde und "Rudy" heißt. Er wird am Ende unter denjenigen 500 Besuchern verlost, die ihre Stimme für den Sieger abgeben haben. In diesem Fall ist das der 16-jährige Aurelio Klawen, der es kaum fassen kann, dass "Rudy" nun mit ihm nach Hause gehen darf: "Wir haben ganz viele Tiere. Hühner, Tauben, Fische, Hunde und Katzen, aber noch keinen Geißbock", erzählt er. Besonders charmant daran ist aber, dass es seine Familie war, die die zwei altsteirischen Hühner gestiftet hat, die verlost worden sind. Und dass die Familie in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Rudys bisherigem Domizil lebt und den kleinen Bock von seiner Geburt an kennt: "Das war eine kalte Frühjahrsnacht und wir haben da was gehört. Wir dachten, der Fuchs sei im Ziegenstall, dabei ist Rudy auf die Welt gekommen", sagt Aurelios Vater.

Um diese Zeit, es ist fast halb acht Uhr abends, sind die meisten der Ziegenböcke schon verschwunden. Ein aufregender Tag liegt hinter ihnen. Der Reihe nach mussten sie über eine Rampe auf die Bühne gezerrt, geschoben, überredet werden. Nicht jedem war dies behaglich. Immerhin ertönte für jeden von ihnen ein anderes Lied aus dem Lautsprecher - und Musik gehört nicht immer zu den Vorlieben eines Ziegenbocks. Da ist zum Beispiel "Johny" vom Zeitlerhof, für den die Musik gleich ausgestellt werden muss, weil er sich gar so ziert. Oder "Boateng" - benannt nach dem Fußballspieler, übrigens wie viele andere Böcke hier auch - der schon beträchtlich schwankt. Denn eines mögen Ziegenböcke: Bier. Ältere, wie Boateng, der 2011 in Südtirol geboren wurde, oder auch jüngere wie der einjährige "Rambo", ein Vertreter der aussterbenden Rasse Bündner Strahlenziege, der normalerweise in Andechs lebt. Da ist "Harry G" von Florian Müller, der "schon da war, bevor es den anderen Harry G gab". Und da ist der am weitesten angereiste Bock des Tages, "Hugo" aus Wallgau, der, wie sein Besitzer Robert Anzenberger sagt, "seine Frauen schon vermisst". Oder da sind die beiden anderen Böcke aus Wallgau, deren Schicksal zunächst besiegelt scheint: "Die stehen zum Verkauf, sonst kommen sie zum Metzger", sagen ihre Besitzer zum Schrecken vieler Kinder und auch so mancher Frauen. Zwei davon erbarmen sich schließlich und kaufen die Tiere. Und da ist ja auch noch der Xaver. Bereits zum dritten Mal sind die Wernetshammers mit ihm angetreten, zweimal haben sie mit ihm den vierten Platz belegt. Vor neun Jahren haben sie ihn zur Hochzeit bekommen - übrigens vom Goaßbockverein, in dem sie auch Mitglied sind. Er ist am Ende der Liebling der Besucher. Für Petra Wernetshammer hingegen ist er einfach nur eines: "Klein, aber oho."