Gilching Singen, protzen, lodern und grollen

Preisgekrönte Virtuosin an der Bratsche: Die Deutsch-Japano-Australierin Hiyoli Togawa spielte in Gilching.

(Foto: Nila Thiel)

Musikalische Schwärmereien an der Bratsche mit Hiyoli Togawa

Von Reinhard Palmer, Gilching

Nicht zum ersten Mal ist die derzeit in Berlin lebende Bratscherin Hiyoli Togawa ins Fünfseenland gekommen: Vor zwei Jahren sprang sie bereits beim Lenbach Quartett ein, als es im Gymnasium Gilching beim Kulturkreis gastierte. Hinreißend wirkte die Deutsch-Japanoaustralierin beim ASIA-Benefiz im Sudhaus des Seefelder Schlosses vor wenigen Wochen im Klaviersextett mit. Nun stand sie allein mit ihrer Testore-Bratsche (Mailand 1749) erneut auf der Bühne, um von ihrem Instrument zu schwärmen - in Wort und Musik.

Streicher-Solorezitals sind eine Herausforderung sowohl für Musiker als auch fürs Publikum. Letzteres wurde reichlich belohnt. Denn die aus Düsseldorf stammende Togawa ist keine Instrumental-Asketin, kultiviert vielmehr den reich differenzierten, sinnenfreudigen Ansatz. Eine Bratsche kann süßlich singen, temperamentvoll protzen, dunkel grollen, leidenschaftlich lodern oder mit fast menschlicher Stimme sinnieren. Diese Ansätze kamen freilich vor allem in der neuen Literatur am deutlichsten zum Vorschein, erst recht wenn ein programmatischer Hintergrund gegeben war. So in der "Ode an den Lotus" des traditionsbewussten Armeniers Tigran Mansurian (geb. 1939), der offenbar nicht nur an die schönen Blüten dachte, sondern auch an den an der Pflanze entdeckten Lotuseffekt der Blattoberflächen, der dazu genutzt wurde, Anzüge der Raumfahrer sauber zu halten. Damit führte Togawa in die Komposition ein, was nicht nur die Dualität von beseelter Melodik und spannungsgeladener Intensität erklärt, sondern auch die Zuhörer faszinierte. Zumal Togawas eloquente Moderation eine überzeugende und leidenschaftliche Persönlichkeit offenbarte.

Einen ähnlich vollmundigen Ansatz fand Togawa bei György Ligeti in den Rahmensätzen seiner Viola-Sonate. Mit schier endlosem Kreisen in fremdartigen mikrotonalen Skalen der "Hora Lunga" wie auch dem schwerfällig drängenden Hüpfen der "Chaconne chromatique" demonstrierte die vielfach preisgekrönte Musikerin zielsichere Wendigkeit am Instrument. Die war auch intensiv von Max Reger gefordert, macht sie doch seine Suite d-Moll op. 131d geradezu zum Programm. Hier zog Togawa alle Register, ihr ging es vor allem um kraftvollen Ausdruck: Mal mit wogend mäandernden Linien, mal tänzerisch scharf rhythmisiert oder mit energischer Rastlosigkeit entwarf Togawa klar umrissene Szenarien. Nicht minder im romantischen Gesang des Adagios, das mit einem Duett (Doppelgriffe) opernhaft daher kam.

Die Bratsche hat viele Stärken. Eine deutlich prominente ist gewiss die lyrische Neigung, die im Hintergrund immer mitschwingt. Telemanns "Fantasie Nr. 9" erklang zwar beschwingt rhythmisiert in der Siciliana, heiter in der Art eines Präludiums im Vivace sowie als kraftvolle Toccata im Allegro, doch selbst in der Aufhellung des Mittelsatzes blieb die barocke Melancholie beherrschend. Daraus schöpfte auch Bachs "Chaconne" der Partita II d-Moll BWV 1004 ihre Kraft, um trotz komplexer Anlage eine innere Balance zu vermitteln. Wie anders erklang hier die französische Lyrik des Henri Vieuxtemps: In seinem Capriccio für Viola blühte sie in Togawas magischen Farbnuancen. In leidenschaftlichsten Momenten deckte sie zugleich berührende Zärtlichkeit auf: Eine meisterhafte Leistung. Das Publikum dankte begeistert und bekam eine Wiederholungszugabe.