Flüchtlinge Hilfsbereitschaft und Angst

Das Interesse ist groß, mehr als 200 Gautinger drängen sich durch die Räume der Flüchtlingsunterkunft in Gauting.

(Foto: Nila Thiel)

Großer Andrang herrscht beim öffentlichen Besichtigungstermin in der neuen Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen AOA-Gebäude in Gauting. Die Neugierde ist groß, aber es gibt auch kritische Stimmen

Von Astrid Becker und Michael Berzl, Gauting

Für eine Stunde war die neue Flüchtlingsunterkunft schon voll. Mit einem so großen Andrang beim öffentlichen Besichtigungstermin am Freitagnachmittag haben Landratsamt und Gemeinde nicht gerechnet. Mehr als 200 Gautinger drängelten sich durch die umgebauten Räume und Gänge der Firma Apparatebau AOA an der Ammerseestraße. Die Erwartungshaltungen sind sehr unterschiedlich: Zum Teil Neugierde, große Hilfsbereitschaft, aber auch Angst und Ressentiments.

Seit November wurde der Verwaltungstrakt umgebaut, der seit dem Umzug der Firma nach Oberpfaffenhofen leer steht. Nun ist dort Platz für bis zu 130 Menschen, berichtete Landrat Karl Roth. Überall riecht es noch nach frischer Farbe. Die früheren Büros und Besprechungszimmer sind jetzt Schlafräume mit Stockbetten; meist für sechs Personen, außerdem gibt es einige Vierbettzimmer. Aus der Maschinenhalle, in der die Mitarbeiter einmal Flugzeuglüftungen montiert haben, wurde eine riesige Küche mit mehreren Kochzeilen und Sitzgruppen. Die Flüchtlinge sollen dort selbst kochen.

Um das Gebäude kümmert sich ein Hausmeister, außerdem ist Tag und Nacht ein Sicherheitsdienst dort, wie Roth betonte. Insgesamt 2100 Quadratmeter hat das Landratsamt angemietet; der größere Teil des Firmengebäudes ist weiterhin ungenutzt. Das hätte offenbar auch anders kommen können, denn die Regierung von Oberbayern hatte im vergangenen Sommer auch schon über eine größere Anlage in Gauting nachgedacht, wie der Landrat bei dem Besichtigungstermin andeutete.

Das Landratsamt rechnet damit, dass am kommenden Donnerstag die ersten 44 Flüchtlinge in der neuen Unterkunft eintreffen. Woher sie kommen, ob es Frauen, Männer, Familien sind, ist noch nicht bekannt. Bis Ende des Jahres sollen 675 Menschen in der Gemeinde Gauting Zuflucht finden. Damit korrigierte Roth eine von Bürgermeisterin Brigitte Kössinger zuvor in einer Sitzung genannte Zahl etwas nach unten. Trotzdem müssen auch noch eine Containeranlage sowie eine Leichtbauhalle errichtet werden. Geeignete Flächen dafür werden noch gesucht.

Die Gesamtzahl der Asylbewerber im Kreis wird sich nach den Prognosen des Landratsamts bis Juni nahezu verdoppeln. Aktuell leben etwa 1800 Flüchtlinge in den Gemeinden des Landkreises. Die Rede ist derzeit von noch einmal etwa 1400 Menschen, die bis dahin jenseits von Sammel- oder Notunterkünften ein Dach über dem Kopf brauchen. Landkreis und Gemeinden suchen daher nach Grundstücken für den Bau neuer Anlagen; mindestens zwei pro Gemeinde. Fast alle der geplanten oder derzeit im Bau befindlichen Anlagen wurden bereits erweitert. Eine Ausnahme stellt Starnberg dar, dort ist das entsprechende Grundstück zu klein, um mehr als 96 Menschen unterzubringen. Die Suche nach neuen Grundstücken geht daher auch in der Kreisstadt weiter, die mit etwa 23 000 Einwohner 18 Prozent aller Flüchtlinge aufnehmen müsse, die die Regierung von Oberbayern zuteilt. "Das sind etwa neun pro Woche. In vier Monaten ist theoretisch gesehen eine in Starnberg neu gebaute Unterkunft mit 144 Menschen schon wieder voll", sagt Kreisbaumeister und Asylmanager Christian Kühnel. "Derzeit hat jede Gemeinde im Kreis durchschnittlich einen Standort gefunden und glaubt daher, einen großen Berg geschafft zu haben. Nun steht aber der nächste Berg bevor."

Mit der wachsenden Zahl der Flüchtlinge steigt auch der Arbeitsaufwand, um diese Menschen zu betreuen. Die Behörden sind angewiesen auf die Unterstützung der vielen ehrenamtlichen Helfer, die im gesamten Fünfseenland aktiv sind. Um die Menschen in der neuen Gautinger Unterkunft kümmert sich der "Helferkreis AOA" unter Federführung von Conny Schoop. Wer sich engagieren will, kann zu einem Treffen am Montag, 1. Februar, um 19 Uhr in der Paul-Hey-Villa an der Ammerseestraße 108 kommen.

"Man kann die Augen verschließen und weglaufen, oder man kann auf die Menschen zugehen", sagt Conny Schoop. Den Helferkreis sieht sie auch als Vermittler zwischen Flüchtlingen und Nachbarn. Mancher Kommentar beim Rundgang lässt darauf schließen, dass da einiges zu tun ist. "Wenn da lauter junge schwarze Männer kommen, fühlt man sich nicht mehr sicher", sagte eine Anwohnerin. Und gleich zum Auftakt stellte eine Frau an Landrat Roth die wohl provokant gemeinte Frage, wer ihr das zusätzliche Sicherheitsschloss bezahlt, das sie nun in ihre Haustüre einbauen lasse.