Gauting Ein einziger Ton macht die Musik

Barocke Sinnlichkeit: Das Münchner Vokalensemble, der Kammerchor St. Benedikt und das Collegium Bratananium beim Konzert in Herrsching.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Auftakt der neuen Herrschinger Passionskonzerte mit Musik von Bach, Hindemith und zeitgenössischen Komponisten

Von Reinhard Palmer, Gauting

Der Wechsel ist vollzogen: Die einstigen Palmsonntagskonzerte in Gauting haben eine neue Heimat in der katholischen Kirche St. Nikolaus in Herrsching gefunden. "Passionen I - Musica religiosa" behielt das Konzept des künstlerischen Leiters Johannes X. Schachtner bei, Neue Musik mit Werken aus anderen Epochen thematisch zu kombinieren. Im gut besuchten ersten Konzert standen Werke von Max Reger unter dem Motto "O Mensch bewein Dein Sünde groß" im Fokus.

Mit dem Münchner Vokalensemble Vollton (Einstudierung Florian Drexel) wuchs der Kammerchor St. Benedikt auf eine beachtliche Größe heran, was Schachtner vor allem für die satte Substanz der Rücknahmen nutzte. Ihm stand ein reichhaltiges Farbrepertoire zur Verfügung, das schon im hier titelgebenden Schlusschoral des ersten Teils der Matthäus-Passion von Bach für barocke Sinnlichkeit sorgte. Die Balance mit dem Orchester stimmte noch nicht, stellt doch die räumliche Disposition mit dem höheren Chorraum eine besondere akustische Aufgabe dar. Das Collegium Bratananium lag mit dem pulsierenden Begleitpart zunächst allzu sehr im Vordergrund, was jedoch Schachtner alsbald in den Griff bekam. Hindemiths "Trauermusik" kulminierte bereits in einem überaus stimmig atmosphärischen Choral. Einen Tag nach dem Tod des englischen Königs Georg V. komponiert, ist die elegisch-leidenschaftliche Musik in erster Linie auf den Cellopart fokussiert, den hier der renommierte Solist Julius Berger in weiten Spannungsbögen und mit tief empfundener Ausdruckskraft ausspielte.

Sein expressives Vermögen hatte er bereits in einer wunderbar klangsinnlichen Komposition von Markus Schmitt (geb. 1965) demonstriert. "Geläut für B." von 2013 - entwickelt aus Initialen und Lebensdaten von Edward Benjamin Britten und laut Schmitt transformiert "in virtuelle Glockenklangspektren" - stellte seinem Solopart nur einen einzigen Ton, das eingestrichene B, zur Verfügung, den Berger in unzähligen Klang- und Ausdrucksvarianten auszugestalten verstand, während das Streicherensemble zart schimmernde Atmosphäre ausbreitete. Der dramaturgische Bogen ließ keinerlei Einförmigkeit zu, sorgte vielmehr für eine großgestische Entwicklung.

Im Sinne der inhaltlichen Schlüssigkeit ging es auch in der A-cappella-Chorliteratur ausgeprägt atmosphärisch zu. Regers "Ein geistlich' Klage-Liedt. Media Vite" geht auf den Antiphon "Media vita in morte sumus" zurück, versetzte daher den Chorsatz einige Jahrhunderte zurück. Sein "Agnus dei" erklang vergleichbar seelenruhig und in einfühlsamer Schönheit. Eine Meisterleistung bot die Chorgemeinschaft mit Knut Nystedts "Immortal Bach" von 1988. Mit Bachs "Komm, süßer Tod" beginnend, verdichteten sich die barocken Formen zu sphärischen Clustern, um sich in barocker Art wieder aufzulösen.

Der Höhepunkt des Palmsonntagskonzerts gehörte der Uraufführung von "Fatal Harmonies ob Black Sweetness" für Streicher und Violoncello solo von Enjott Schneider (geb. 1950). Als renommierter Filmmusikkomponist ("Herbstmilch", "Schlafes Bruder", "Stalingrad") denkt Schneider in Bildern, die Dramatik lieferten; sie sind den Madrigalen Carlo Gesualdos entliehen, die wiederum vor dem Hintergrund gewaltsamer Tode entstanden. Ein symmetrisch um ein Ricercare aufgebautes, siebensätziges Werk, das leidenschaftlich-filmische Atmosphäre bot. Im letzten Wort mit Regers "O Mensch bewein Dein Sünde groß", der Bearbeitung eines Bach-Choralpräludiums, kehrte das Programm zur barocken Sinnlichkeit zurück. Beeindruckend - und mit anhaltendem Applaus belohnt.